Ein Selbstgespräch – das ganz besondere Uhren-Interview.


Für meine Rubrik „Die Uhrenbeweger“ habe ich einen ganz speziellen Menschen interviewt: Mich selbst. Ich werde nämlich häufig gefragt, mit welchem beruflichen und persönlichen Background ich mir denn anmaße, hier über Uhren zu schreiben. Um Ihnen den Herrn Strohm etwas näher zu bringen, habe ich ihm (also mir) die vergleichbaren Fragen aller meiner Interviewpartner vorgelegt. Wir sprachen über das Schreiben, Einstiegsdrogen und verlorene Golfbälle. Nicht wundern, wenn wir uns siezen – schließlich muss ich bei einem solchen Interview einen gewissen emotionalen Abstand gewährleisten.

Zur Person

Name: Bernhard Strohm

Jahrgang: 1962

Unternehmen: Herr Strohm – Idee & Konzept, Herr Strohms Uhrsachen

Position: Alleiniger Inhaber und CEO (nicht schwer in einem Einmann-Unternehmen)

Standort: Saarland

Beruflicher Werdegang…

Studium Kommunikations-Design. Gründung einer der erfolgreichsten Werbeagenturen des Saarlandes. 25 Jahre Mitinhaber, Geschäftsführer und Creativ Director. 2015 Rückzug aus dem operativen Geschäft, seither externer Berater und Ideenlieferant. Gründung von „Herr Strohm – Idee & Konzept“, bundesweit tätig als Strategie- und Marketingberater für verschiedene Branchen.

…und das Abrutschen in die Uhrenabhängigkeit

 Seit 2015 kümmere ich mich intensiver um meinen Blog „herrstrohmsuhrsachen.de“. Was als Hobby begann, hat längst professionelle, journalistische Züge angenommen – zumindest vom Zeitaufwand her. Seit Anfang 2015 betreibe ich einen kleinen aber feinen Online-Shop für exklusive Uhren unter www.derzeitvertreiber.de

Und nun zu den Fragen

Vom Werbefuzzi zum Uhrenblogger. Die beabsichtigte gerade Linie oder eine Karriere mit Umwegen?
Obwohl ich Kommunikations-Design, also Grafik, studiert habe, lag in den letzten Jahren mein Schwerpunkt im Bereich Konzept und Text. Ich habe viel für die Unterhaltungsbranche geschrieben: Comedyserien, Kinderlieder und Spieleentwicklung.
Wenn man also Text und Unterhaltung mit dem Hobby Uhren mischt, kommt zwangsläufig ein Uhrenblog dabei raus.

Die Leidenschaft für Uhren kam wann?
Seit dem Studium hatte ich ein Faible für Uhren. Die erste Swatch kam auf den Markt und Uhren wurden erschwingliche Schmuckstücke. Viel Plastik, viel Buntes, viel Quarz. Die erste mechanische Uhr kam wesentlich später, nach Hunderten D-Mark an Batterien.

Was begeistert Sie an Uhren: Das Innere oder das Äußere? Oder gar die Marke?
Als visueller Mensch natürlich das Äußere. Drin war zur damaligen Zeit ja nix außer einer Batterie. Und als Werber hat mich auch das Markenimage beeinflusst – an einer Swatch kam niemand vorbei.

Ihre erste wirklich „wertige“ Uhr war eine…?
Ein Erbstück meines Vaters und gleichzeitig meine erste mechanische Uhr. Eine Junghans Meister aus den Sechzigern. Durch sie habe ich zu ersten Mal Begriffe wie Revision oder Vergoldung kennengelernt.
Waren alle Uhren bisher austauschbare Schmuckstücke, war das die erste Uhr, zu der ich eine emotionale Bindung aufgebaut habe.

Welche Klassiker gehören in jede gute Sammlung?
Das kann man nicht verallgemeinern, aber für mich sind es:

  • Rolex Submariner NoDate 14060M
  • Rolex GMT Master II 16710 (an Jubilee)
  • Omega Speedmaster
  • Tag Heuer Monaco in blau
  • Tudor Big Block

Jede dieser Uhren habe ich mindestens zweimal besessen und nach jedem Verkauf war der Entzug so mächtig, dass sie wieder kamen…und jetzt bleiben.

Die Tudor Big Block, hier eine 79180, gehört seit Langem zu meinen absoluten Lieblingen

Ihre Lieblings-Alltagsuhr?
Am Schreibtisch – und dort halte ich mich größtenteils auf – trage ich keine Uhr, da ich von Zeitmessern umzingelt bin.
Natürlich trage ich die Uhren, die ich für den Shop kaufe auch Probe – aus irgendeinem Grund muss man den Job ja machen – und lieben. Ich muss wissen, worüber ich schreibe und was ich verkaufe. Auf mein Urteil vertrauen die Kunden und die Blogleser.
Privat trage ich genau die Liste an Klassikern, die ich vorhin genannt habe.

Ja, die Klamotten müssen zur Uhr passen…

Welche Aussage trifft auf Sie zu:

  • Ich wähle die Uhr dem Anlass entsprechend
  • Ich wähle die Uhr der Kleidung entsprechend
  • Ich wähle die Kleidung der Uhr entsprechend
  • Ich wähle die Uhr meiner Gemütslage entsprechend, unabhängig von weiteren Faktoren

Besitzen Sie eine „billige Urlaubsuhr“? Wenn ja, welche?
Nein, ich mache im wahrsten Sinne des Wortes U(h)rlaub. Dann erlaube ich mir den Luxus, mich von keiner Uhr drängeln zu lassen.

Sie tragen Ihre Uhr am liebsten an:
Leder – und noch viel lieber maßgeschneiderte Bänder, die ich mir für meine Uhren anfertigen lasse. Das Band macht erst die Uhr perfekt. Ein Umstand, der leider auch vielen namhaften Herstellern unbekannt zu sein scheint.

Braunes Lederband zu schwarzen Budapestern – geht das?
Wie heißt es in der Werbebranche so schön: „Kannste so machen – is dann halt Kacke!“

Bei welchen Gelegenheiten verzichten Sie auf eine Uhr am Handgelenk?
Da ich Leder liebe, lege ich bei zu hohen Temperaturen die Uhr ab, da Schweiß und Leder keine gute Kombination sind

Smart Watch: Ja / nein / heimlich / nicht mehr?
Ich bin abhängig von meinem Smartphone – das reicht. Dann brauche ich mir nicht noch die Zwergen-Ausgabe davon ans Handgelenk zu hängen. Vibrationen in der Hosentasche UND am Arm ist in meinem Alter nicht ratsam.

Mechanische Uhren werden jeden Technik-Trend überleben, weil:
…sie Handwerk, Kunst und Funktion vereinen. Darüber hinaus funktionieren sie als Statussymbol, Markenfetisch und Weihnachtsgeschenk. Gründe genug.

Wenn Sie ein nicht uhrenaffiner Freund fragt, wie viel er denn für eine „vernünftige“ Uhr mindestens ausgeben muss, welche Summe nennen Sie?
Eine gute mechanische Uhrgibt’s bei SEIKO bereits ab 150,- Euro. Legt man 500,- drauf auch was Schönes von deutschen Herstellern – und ich rede von eigenständigem Design und nicht von Hommagen.

Der Wert einer Uhr lässt sich nicht immer am Preis festmachen

Stichwort Hommage – Einstiegsdroge oder Fake?
Weder noch. Ein Fake ist ein Plagiat, dass absichtlich täuschen und damit betrügen will. Steht Rolex drauf und sieht aus wie eine – ist aber keine. Bei einer Hommage – und alleine der Begriff ist ein Witz – steht ein anderer Markenname drauf, sieht aber möglichst aus wie das Rolex-Modell und verdient somit Geld an fremdem, geistigen Eigentum.
Und dass sich jemand, der 300,- Euro für eine Submariner-Hommage ausgibt später eine echte kaufen wird, „wenn er es sich leisten kann“ – an das Märchen glaube ich nicht. Siehe auch hier: Hommage – die Gradwanderung zwischen Bewunderung und Fake.

Benchmarken Sie bitte folgende Preisregionen für Uhren mit ihrer Obergrenze:

  • Preiswerte Uhr – bis 300,- €
  • Mittelpreisige Uhr – bis 1.500,- €
  • Teure Uhr bis – bis 5.000,- €
  • Luxussegment – ab 5.000,- €

Welches war die letzte Uhr, die Sie sich gekauft haben?
Für mich privat war das ungewöhnlicherweise eine silberne Taschenuhr von NIVREL. Die ich sehr gerne im Sommer an der Jeans oder formell an der Weste trage. Da schwitzt man kein Armband durch. Und cool ist es auch.

Der Beginn der Leidenschaft war bunt…

Viele Sammler können sich nicht von Ihren Lieblingen trennen. Sie haben das Tauschen und Verkaufen mit einem Online-Shop professionalisiert.
Ich habe nie zu den Sammlern gehört, die sich ihre Traumuhren „mal eben so“ leisten können. Meine ersten Schätzchen lagen in der 30-50,- Euro Klasse. Ich musste immer gut tauschen oder verkaufen, um mir „was Teureres“ leisten zu können: Eine DUGENA-Vintage für 150,-, eine Omega Seamaster für 300,- oder eine Speedy für knapp 1.000,- Euro. Beim Verkaufen kam mir meine Vertriebserfahrung und der gute Umgang mit dem Fotoapparat entgegen, aber es war nie ein professioneller Shop geplant. Der wurde mir dann mehr oder weniger vom Finanzamt „vorgeschlagen“, denn der Staat wollte an meinem geschäftlichen Erfolg beteiligt werden. Also stand ich vor der Wahl es zu lassen oder es auf rechtlich sichere Beine für mich und meine Kunden zu stellen. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden – und es nicht bereut.

Wie suchen Sie die Uhren aus, die Sie im Shop anbieten?
Im Shop finden sich nur Uhren, die ich auch selbst sammeln oder tragen würde. Die meinem Qualitätsanspruch und meinem Geschmack entsprechen. Viele Kunden haben mir gesagt, dass Sie meine Auswahl als „Vorschlagsliste“ für die eigene Sammlung empfinden – das freut mich, war aber so nie beabsichtigt.
Der Shop ermöglicht mir gleichzeitig, auch meine Neugier auf mir bisher fremde Marken zu befriedigen. So lernt man dann seine erste Graham oder Perrelet kennen.

Gibt es Markenschwerpunkte?
Das ergibt sich automatisch aus den Punkten Qualität, Werthaltigkeit und guter Wiederverkauf. Man lernt sehr schnell, was sich gut verkauft und was wie Blei im Online-Regal liegt.
Es sind die bekannt starken Marken wie Rolex, Omega oder IWC, die ich persönlich auch sehr mag. Dazu kommt Zenith, TAG Heuer und sehr gerne Tudor-Vintage-Modelle.

Wird der Onlinehandel das Ladengeschäft in der Innenstadt verdrängen?
Ich hoffe nicht. Aber das hängt von der Flexibilität und dem Einfallsreichtum der Händler ab. Meine ausführliche Meinung dazu finden Sie in meinem Artikel: „Der langsame Tod des Uhrenhandels durch Suizid“.
Als kleiner, exklusiver Onlinehändler habe ich immer mehr Kunden, die sich gerne ins Auto setzen und Hunderte Kilometer ins Saarland fahren – nachdem sie die genaue Lage gegoogelt haben. Die ihre Uhr persönlich abholen wollen. Inklusive Käffchen und Sammlerschwätzchen. Uhrenkauf ist Vorfreude, Leidenschaft und Vertrauen. Bei 500,- Euro genauso wie bei 15.000,- Euro. „Buy the seller!“

Zurück zum Schreiben. Ihr Buch „Armbanduhren sammeln“ ist in keinem Buchladen zu finden. Wollen Sie nichts verkaufen?
Doch, das Buch verkauft sich wesentlich besser als erhofft, aber ich habe mich für den Eigenverlag entschieden. Als Autor wirst du nicht reich, aber ein gesunder Anteil vom Verkaufspreis ist gut für’s Ego. Und der bleibt nur, wenn ich ins Risiko gehe und selbst drucken lasse und im eigenen Shop verkaufe.
Darüber hinaus haben auch schon viele Buchhandlungen direkt bei mir bestellt, um ihre Kunden glücklich zu machen.

Wenn schon nicht als Autor, so macht man doch wohl als Blogger das große Geld. Stichwort „Influencer & Youtube-Star“.
Dieser Hoffnung gab ich mich auch hin – wenige Minuten. Bis ich erkennen musste, dass ich nicht mehr Anfang zwanzig, blond und weiblich bin. Und nicht über Beauty und Shopping, sondern über Vintage und Komplikationen schreibe…verdammt!

Was ist mit der Blogger-Erfolgs-Formel: „PR-Text + Herstellerfoto = Post = Geld“?
Diese Formel funktioniert unter zwei Voraussetzungen: ich muss ein Unternehmen finden, das mir Geld für Veröffentlichungen bietet. Und ich muss bereit sein, gegen Geld die Meinung des Unternehmens als meine zu verkaufen.
Ich habe mich vor zwei Jahren entschieden, genau das nicht zu tun, auch wenn ich häufig angefragt werde. Gekennzeichnete Werbebanner ja, redaktionelle Einflussnahme nein.

Werden die Blogger die klassischen Medien ersetzen?
Auf absehbare Zeit nicht. Es gibt zwar nur sehr wenige Uhrenmagazine im deutschsprachigen Raum, aber die Anzahl der journalistisch arbeitenden Blogger ist nicht wesentlich höher. Unabhängige und qualifizierte Blogger erweitern das Meinungsspektrum – ob Leser und Hersteller sich davon beeinflussen lassen bleibt abzuwarten. Viele Magazine bringen eigene Online-Journale heraus – leider oft derselbe Wein nur in digitalen Schläuchen.

Welche ist die häufigste Frage aus Ihrem Leserkreis?
Wie seit Jahr und Tag: „Welche Uhr ist die besten Wertanlage?“

Ihre Antwort?
Wie seit Jahr und Tag: Uhren sind Zeitmesser, Schmuckstücke, Objekte der Begierde – aber keine Wertanlage per se. Trotzdem werden sie als solche gesammelt. Wie Oldtimer oder alter Whiskey. Das ist aber nichts als Spekulation und nur etwas für wirkliche Experten oder Menschen mit zu viel Geld. Natürlich gibt es Marken und Modelle, die wertstabiler sind als andere. Aber nur weil eine Rolex jedes Jahr ein paar Prozent teurer wird steigt sie nicht im Wert, sondern im Preis.

Eine Uhr ist eine Uhr ist eine Uhr…

Welche nicht tickende Passion begeistert Sie?
Ich versuche mich seit Kurzem darin, kleine weiße Bälle in wunderschöner Parklandschaft in noch kleinere Löcher zu schlagen. Eigentlich heißt der Sport „Golf“, oder wie ich ihn nenne: „Bälle suchen“.

Die nächste tickende Herausforderung? 
Mein zweites Uhrenbuch, das hoffentlich noch in diesem Jahr erscheint. Die gedruckte Version von Herrn Strohm Uhrsachen.

Noch irgendwelche berühmten letzten Worte?
Der kürzeste Uhrensammler-Witz: „Ich hab meine Exit-Watch gefunden!“

Herzlichen Dank.

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*In der Reihe „Die Uhrenbeweger“ interviewe ich – meist per Fragebogen – Menschen, deren berufliches Leben eng mit dem Thema Uhr verbunden ist. Entscheider/innen aus der Uhren-Industrie und dem Uhren-Handel, Uhrmacher, Designer, Sammler und andere Verrückte.

Fragen und Antworten werden von mir unkommentiert veröffentlicht. Ich werde für keinerlei Leistungen im Rahmen der Veröffentlichung bezahlt, weder für die Abbildung von Produkten oder Marken, noch für die Verlinkung zu dem Unternehmen des Interview-Partners.

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2 Comments

  1. Dorner Manfred sagt:

    Sehr nettes und aufschlussreiches Interview Herr Strohm. Als passionierter Golfer und seit einigen Jahren auch leidenschaftlicher Uhrensammler (hab zufällig einige ihrer persönlich aufgezählten Lieblingsstücke ebenfalls in meiner kleinen Sammlung), muss ich leider eine Kleinigkeit berichtigen. Da ich mich zur Zeit noch in Sachen Golf besser als bei Uhren auskenne, möchte ich anmerken, dass das Loch beim Golf, doch um einiges größer ist, als der kleine weiße Ball! (nur als scherzhafte Anm. gedacht). Aller Anfang beim Golfspiel ist schwer, aber die viele Bewegung in wunderschöner Landschaft, mit ab und zu gelungenen Schlägen, ist durch nichts zu ersetzen. Wer infiziert ist, kommt nicht mehr los, weder vom Uhrensammeln, noch beim Golfen.
    Liebe Grüße aus Österreich,

    Manfred Dorner

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  2. Robert Lau sagt:

    Nun lernen wir den Herrn Strohm auch einmal kennen 😉
    Wie immer sehr kurzweilig zu lesen. Den Aspekt mit dem „Vorschlag“ seitens des Finanzamtes fand ich besonders interessant – das ist mal eine andere Motivation für eine n Online-Shop.

    Gefällt 1 Person

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