Der Tod des klassischen Uhrenhandels durch Suizid


Oder: Kunden müssen draußen bleiben.

„Wir wollen in fünf Jahren der weltgrößte Händler für Luxusuhren sein!“ Diese Worte stammen nicht etwa aus dem Munde der Wempes, Bucherers oder Tiffanys. Dieses verbalisierte Selbstbewusstsein stammt von Philipp Man, seines Zeichens Chief Executive Officer von „Chronext“, einem der am stärksten wachsenden Online-Shops für hochpreisige Zeitmesser im Netz.

Zwischen 400 und 500 Prozent sei das Wachstum der letzten Jahre, behaupten er und seine beiden anderen „Cs“ (CEO, CPO, COO), die mit Anfang zwanzig vor drei Jahren begannen, dem ohnehin angeschlagenen stationären Einzelhandel den Kampf anzusagen.

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Die drei besitzen zwar keine handwerklichen oder branchenüblichen Kenntnisse, aber dafür jede Menge potenter Gönner – auch Risikokapitalgeber genannt. Ein zweistelliger Millionenbetrag soll bisher in das Kölner Start-up geflossen sein. Ähnliches berichtet man vom Berliner Mitbewerber „Montredo“, der sich aber auf das Verticken ausschließlich neuer Uhren konzentriert. Auch hier führt der Nachwuchs, der lange nach der Quarzkrise das Licht der Welt erblickte.

Meine Frage: „Ist das eine Automatik?“ kontert die nette Dame mit „Nein, eine Breitling!“

Kleiner Einschub meinerseits: nein, ich habe nichts gegen Online-Handel, betreibe ich doch selbst meinen kleinen Shop für exklusive Uhren (mein Kapital, mein Risiko). Auch waren die alten Zeiten nicht immer besser. Was mich entsetzt ist die suizidale Dummheit der meisten Ladenbesitzer, die auf der einen Seite den Online-Handel verfluchen, um im gleichen Atemzug das Internet als vorübergehende Modeerscheinung zu entlarven. Sie verwechseln „stationär“ mit unbeweglich und aus den Händlern werden Unterlasser.

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Was haben sie nicht alles getan, um sich ins Abseits zu manövrieren? Angefangen beim Prinzip der verschlossenen Ladentür. Klingeln müssen die lieben Kunden. Einlass erbitten und sich erst einmal an der Glasfront von oben bis unten abschätzen lassen, bevor der Summer die heiligen Hallen für die Sterblichen öffnet. Rolex oder Timex? Lange oder Longines? Na dann kommense mal rein guter Mann.

Das Verkaufspersonal ist großteils gutaussehend und erkennbar weiblich. Auf meine Frage: „Ist das eine Automatik?“ kontert die nette Dame mit „Nein, eine Breitling!“

Noch ein Einschub: Das Personal ist verkaufsgeschult, nicht uhrenbekloppt. Aber ein wenig fachlich-uhrsächliche Unterstützung für Kundschaft umsatzfördernd. Der Ausschank von Schaumwein wird verwechselt mit offenem Interesse an den Bedürfnissen der Eindringlinge.

handel6Und der hauseigene Uhrmacher? „Tja der alte Herr Schmitt – der war ja schon alt und teuer. Und das lohnt sich ja gar nicht mehr, weil reparieren…das macht ja nur noch der Hersteller. Das dürfen wir ja auch nicht mehr – wegen Garantie…“

So hat sich mancher Juwelier und Uhrendealer zur Post- und Packstation der Konzerne degradieren lassen. Sechs Wochen für den Kostenvoranschlag, 6 Monate für die Revision? Darf’s eine Ersatzrolex sein? Gekauft, versteht sich. Und noch ein Glaserl Schampus?

Die Schweizer Hersteller, die trotz der Krise immer noch im Verteil- statt im Dienstleistungs-Modus sind, drehen weiter an des Konzis Daumenschrauben. Natürlich muss der Dealer vom Dorf die gesamte Kollektion ordern (inkl. Bicolor-Leoprint in 52 Millimetern). Sie kriegen in der Fünfzigtausend-Seelengemeinde keine 80 Rolex im Jahr an den Mann und dessen Frau? Weg ist sie, die Konzession und die Geschäftsgrundlage.

Sie möchten mit Ersatzteilen beliefert werden um Reparaturen EIGENHÄNDIG auszuführen? Ja hat Ihr alter Meister denn die drei, jedes Jahr anfallenden, schweineteuren Fortbildungen in den helvetischen Bergen erfolgreich abgeschlossen? Fair Trade auf Schweizer Art.

Der Handel schießt sich ins Knie

Kleinere Manufakturen suchen längt ihr Heil in der Selbstvermarktung. Sowohl Handelsvertreter als auch –Margen werden aus Kostengründen gestrichen. Ihre ersten Online-Shops entstanden aus dem Zwang des preiswertesten Vertriebsweges. In der Zwischenzeit haben NOMOS, Sinn, Schauer und Co. nicht nur hochprofessionelle Shopsysteme, sondern auch das Vertrauen ihrer Kunden in den virtuellen Handel gewonnen. Mit der eingesparten Handelsspanne eines Chronographen lässt sich schon mal ein halber Online-Administrator bezahlen. Fachkundige Telefonberatung inklusive.

Seit einiger Zeit aber (Tusch!) schlägt der stationäre Handel zurück. Eigentlich schlägt er mehr um sich. Na gut: er schießt sich ins Knie.

Und diese Versuche haben manchmal fast schon anrührende Züge. So wirbt ein alteingesessener Juwelier mit eigenem „Online-Shop“. Präsentiert wird ein kleiner, schlecht fotografierter Querschnitt der tickenden Lagerware. Inklusive Aufforderung, sich etwas auszusuchen und abschließend per Mail zu bestellen. Nicht zu kaufen. Ich werde allen Ernstes dazu aufgefordert, mir etwas online auszusuchen, was mir dann gütigerweise nach Terminabsprache in den Geschäftsräumen präsentiert wird. SO (!!) geht Online-Handel 0.0.

Natürlich weiß die Krämerseele ganz genau, wer dem Kaufmann in vierter (De)Generation das Geschäft versaut: Der Grauhändler. Dieser unverschämte Halsabschneider, der gar nicht so Rares für weniger Bares an den Mann bringt. Der sich – nicht an Konzessions-Absprachen gebunden – bei blauäugigen Uhrenfreunden mit Sonderrabatten und Preisnachlässen auf Ladenhüter einschleimt. Der die Gesetze der freien Marktwirtschaft auslebt und sich sogar nach Angebot und Nachfrage richtet. Halunke der!

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Wie schnell vergisst da der Konzi, dass er selbst doch jedem angeblichen Stammkunden die Prozente dutzenderweise hinterherschmeißt, um sie sich von den „Dummen“ bezahlen zu lassen. Die ganz ausgefuchsten überlassen den Reibach nicht irgendeinem dahergelaufenen „Grauen“ – nein, sie mischen gleich mit einem eigenen Grauhandel in der Rabattschlacht mit.

Ich kenne mehr als einen ehrbaren Kaufmann der Haut Horlogerie, der in der zweiten Etage der City-A-Lage einen schwunghaften Online-Handel mit „Tageszulassungen und Auslaufmodellen“ betreibt. Nicht selten sind diese Uhren aus der aktuellen Kollektion oder aus selbst verschuldetem Überbestand.

Das nennt man dann Kannibalismus. Mit sich selbst als Hauptgericht. Wie hofft der „Weiß-Graue“ seine Kundschaft in den erdgeschössigen Laden zurückzugewinnen? Mit einem Glas Schampus für 25% Mehrpreis?

So schließt sich der Kreis: Die Hersteller knechten den klassischen Handel und werden von den immer mächtiger werdenden Online-Shops ihrer Margen und ihrer Knebelverträge beraubt. Der Händler plündert die eigene Auslage, um sie „grau“-sam billig zu verscherbeln. Und der Kunde wird sich bald nur noch Uhren in vollendeter 3D-Animation im Netz anschauen können. Denn der Händler lässt ihn ja nicht mehr ins Geschäft: „Der will ja nur gucken, nichts kaufen…!“

Warum probieren es so wenige mit altmodischem Service, freundlicher Dienstleistung und ehrlichem Interesse an den Wünschen der Kunden?

Ich hab keine Ahnung – wirklich nicht.

10 Comments

  1. Antje Rendelmann sagt:

    Das Thema ist wirklich ungeheuer traurig.
    Hannover ist fast „Qualitäts Uhrentod“ nur der eine große Versucht es noch.
    Der zweite wurde jetzt umerzogen….
    Dem letzten Buchstaben im Griechischen Alphabet gibt es gar nicht mehr !?
    Das schlimmste,Uhren kann man Frau fast nur am Handgelenk beurteilen.
    Jetzt muss ich weinen.
    Gruss Antje

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  2. Peter S. sagt:

    Alles richtig und gut beschrieben. Aber dennoch sehr einseitig, denn es sind kaum Ansätze enthalten, wie der stationäre Händler sich aus diesem Teufelskreis befreien kann und wie schon richtig geschrieben, kommen die Daumenschrauben der Hersteller.

    Zudem wachsen Kundegenerationen heran, der sich nun mal bei Online „zuhause“ fühlen.

    Da sind platte Ansagen wie „Kundenbindung“ out, zumal das im Luxusuhrensegment aus den beschriebenen Gründen auch eher schwer ist.

    Online und Multichannel wird zukünftig mehr und mehr als „Kundenbefreiung“ angesehen. Wer will sich schon binden, außer vielleicht mit seinem Partner 🙂

    Wir werden diesen Fortschritt nicht aufhalten, auch Gründe wie Annonymität spielen eine Rolle. Es ist schön, wenn meine neue Patek direkt schon bei PP in Genf mit den enstprechenden Papieren ausgefüllt sind und mein Name quasi von Werk aus eingedruckt wird.

    Toll, aber nicht jede möchte dies, es sei denn ich möchte meine PP wie die Werbung mir erzählt der nächsten Generation vererben. Aber ich habe keine Kinder, insofern betrachte ich die Werbung schon fast als politisch unkorrekt, diskriminiert sie doch sogar kinderlose. Patek finde ich trotzdem toll, möchte aber gerne selbst entscheiden, ob und wie lange ich meine Uhr behalte und an wem ich sie weitergebe, da würden mich Papiere mit meinem Namen eher stören 🙂

    Uhrenkauf beim Konzi ist für viele Menschen die ich kenne, genauso wie sie es beschreiben; trocken, unkompetent und vor allem eins nicht anonym, für den, der seinen Kauf nicht so zur Schau stellen möchte.

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  3. „Auch hier führt der Nachwuchs, der lange nach der Quarzkrise das Licht der Welt erblickte.“ Gefällt mir sehr gut 🙂 Super Artikel!

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  4. Lars sagt:

    So einen trashigen Artikel habe ich schon lange nicht mehr gelesen.

    Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle.

    Thema Klingel: Schon mal überfallen worden?

    Den Rest erspare ich mir.

    Gefällt mir

  5. Thorsten sagt:

    Hallo Herr Strom,

    besser kann man die schleichende Selbsttötung der Nobeluhr-Brange nicht beschreiben.
    Gerade das Bimmeln an der Panzertür und vor Allem das abschätzige Mustern führt bei mir dazu, solche Tempel des Tickens zu meiden.
    Wenn dann noch fast betrügerische Vorgehensweise und zähes Hin und Her bei einer Revision dazu kommt, ist die Daseinsberechtigung dieser Gralshüter der Arroganz abgelaufen.

    Gruß aus Schwaben

    Thorsten

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  6. Ludwig sagt:

    Grandios. Punktgenau.

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  7. Thomas sagt:

    Herr Strohm, Sie treffen den „Nagel auf den Kopf“, fantastisch geschrieben und sowas von der Wahrheit entsprechend.

    Gefällt 2 Personen

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