Speedy Tuesday – Frustrating Wednesday


Die „Speedy Tuesday II“ der Ultraman klein daneben. Foto: Omega

Eins vorweg: Ich habe keine, ich kriege keine und ich kann auch keine besorgen. Nicht zum Listenpreis und nicht mit „ich zahl‘ auch mehr!“

Sollten Sie jetzt verwirrt sein, ich rede von einer Speedmaster – aber bei Weitem nicht irgendeiner, sondern von der neusten „Speedy Tuesday“. Der zweiten, der „Ultraman“. Alles zur Uhr können Sie seit gestern auf allen On- und Offlinekanälen zum Thema Uhren nachlesen – ich verzichte daher auf Details.
Zum Verständnis ein kurzer Rückblick: Der Hashtag #speedytuesday wurde erstmals von Robert-Jan Broer in seinem 2004 gegründeten Uhrenblog „Fratellowatches“ benutzt. So wurde Spannendes rund ums Thema Speedmaster unter die Fangemeinde gebracht. Dieser Hype führte 2017 zur ersten Zusammenarbeit zwischen Omega und dem genannten Blog. Die Idee: Eine limitierte (2.012 Stück) Sonderauflage der Speedmaster wird ausschließlich über die Online-Kanäle des Blogs vermarktet. Nur wer Teil der Community wird, weiß wann und wo und wie die Speedy Tuesday zu bestellen ist. Sinnigerweise an einem Dienstag – nur dass ich es mal erwähnt habe.

Ein schöner Rücken – aber genauso limitiert wie die Vorderseite. Foto: Omega

Und gestern war wieder Dienstag. Und die (nicht vernetzte) Uhrenwelt wurde am frühen Nachmittag mit der Nachricht beglückt, es sei mal wieder zu spät. Schade – die sensationelle neue Speedy Tuesday 2 sei ausverkauft, finito, Ende, nix zu machen… Auf Twitter, Facebook und Instagram wurde jedem Omega-Fan verkauft, dass die Uhr nun nicht mehr verkauft wird. Ganz vorne mit dabei Online-Uhrenportale wie watchtime.net, natürlich fratellowatches.com und der Hersteller Omega. Diese geballte Medienpräsenz ist nicht zufällig, denn seit 2014 gehört der Blog von Rober-Jan zum Ebner-Verlag, ebenso wie die Magazine Chronos und Uhrenmagazin und eben watchtime.net. Ein in sich wunderbar geschlossener Informationskreis. So lässt es sich gut vermarkten und Bedürfnisse wecken. Aus der Sicht des Vertrieblers: Eine glatte Eins mit Sternchen!

An und für sich gibt’s an der Tatsache, dass 2.012 Sondermodelle an Hardcore-Sammler verteilt werden nix zu meckern. Doch die Erfahrung zeigt, dass nur ein kleiner Teil der Uhren wirklich in deren Händen bleibt. Ich lese jetzt mal in der Glaskugel und ich sehe … dass schon Tage vor der Auslieferung der Speedy (angekündigt für Mitte August) eine wahre Uhren-Flut die Auktionen, Kleinanzeigen und Sales-Corner der Uhrenforen überschwemmt. Ich schätze, dass Preise zwischen 8 – 10k aufgerufen (und bezahlt) werden – bei einem Listenpreis von 6.020,- Euro. Wenn aus dem „Haben will“ nur noch ein „Verkaufen will“ geworden ist, dann mutiert die Uhr vom Sammlerobjekt zur Spekulationsware.

„Einspruch Euer Ehren!“ (ein Satz, den es bei deutschen Gerichten überhaupt nicht gibt – wollt ich nur mal besserwissen) „Was macht denn Rolex? Die werden ja auch viel teurer gehandelt als eingekauft – das nennt man halt Wertsteigerung.“
Was soll das sein? Eine Entschuldigung? Natürlich kostet eine Submariner aus 1986 heute ein Mehrfaches, aber dazwischen liegen auch ein paar Jahrzehnte und nicht 4 Wochen. Auch Omega hat für sich selbst das Rad nicht neu erfunden. Begonnen hat es mit der ersten Speedmaster Snoopy, die heute fast das Dreifache bringt als im Erscheinungsjahr 2003. Heftig wurde es mit der zweiten Hundeuhr, der“ Silversnoopy“, die bei einem VK von 5.300,- Euro bereits Tage später für kollektive 13-15.000,- Euro angeboten wurde. Heute sind neue Modelle bereits unter die magische 10k-Grenze gefallen – immer noch ein guter Schnitt. Ich möchte noch anmerken, dass die beiden Snoopys, alleine durch den Comic-Hund auf Front und Rücken, ein sehr eigenständiges Design haben. Das geht den Dienstags-Speedys leider ab, sie sind Hommagen an eine gute alte Zeit mit guten und alten Modellen.

Die Silver Snoopy, mit einem nachts leuchtenden Hündchen auf dem Zifferblatt. Foto: Omega

Bleibt die Frage: Warum eine renommierte Marke wie Omega so einen Zirkus macht. Der Antworten gibt es viele. Fangen wir an mit dem naheliegenden, dem Geld.
Wir rechnen mal durch: 2.012 verkaufte Uhren an einem Dienstag … bei einem VK von 6020,- Euro… das macht einen Umsatz von 12.112.240,- Euro. Ich bin selbst Uhrenhändler und kann daher sagen: Nicht schlecht!!! Da muss sogar Zalando lange für liefern.

Punkt zwei wäre das Marketing.Omega ist eine tolle Marke, die Speedmaster eine meiner Lieblinge – aber ganz oben im (emotionalen) Luxussegment sind sie nicht angekommen. Sucht man im Lexikon nach den Begriffen „Wertsteigerung“ und „Sammelwürdigkeit“, wird man Namen wir Rolex und Patek Philippe finden. Und diesem Manko glaubt die Swatch-Tochter mit Limited Editions entgegenwirken zu können.
Versucht wird das seit Jahren mit den Mondseiten-Modellen: Darkside, Greyside, Whitheside, linke und rechte Seit‘ – so viele Ecken und Nischen hat der Mond gar nicht, wie Omega gerne verkaufen würde. Bei einer Speedmaster jenseits der Zehntausend Euro fällt so manchem Uhrenliebhaber nur ein: „Für den Preis bekomme ich ja schon eine Rolex.“ Und dann kauft er halt eine Krone.
Also versucht man es konsequenterweise im Segment zwischen 5-6k und hat Erfolg damit. Für 6.000,- eine Uhr kaufen, die dann angeblich 10.000,- Wert ist? Fühlt sich viel besser an als umgekehrt.
Bereits nach Toresschluss sind die ersten Screenshots von erfolgreichen Bestellungen durchs Netz gegeistert. Den künstlichen Warteschlangen vor dem Apple-Store gleich, inkl. dem vor Glück weinenden Erstkäufer. Nur dass es vor dem Online-Shop keine fotografierbaren Menschenaufläufe gibt. Da muss ein „Ich hab’s“-Tweet herhalten.

Foto: Omega

Das Netz liebt Superlative.Noch so ein Punkt. Denn über Twitter oder Instagram sind die wirklich kurzen Nachrichten die einprägsamen. Laut Watchtime.net war die Uhr nach nicht einmal zwei Stunden (1:53,17) ausverkauft, andere Quellen sprachen von unter 40 Minuten. Sei‘s drum, bei der nächsten Dienstagsuhr wird der Rekord wahrscheinlich gebrochen. Dann hat die PR-Abteilung wieder was zu berichten.
Mich wundert es nur, dass ich mich auch einen Tag nach dem Ausverkauf bei Omega in eine „Warteliste“ eintragen kann, falls denn doch noch ein paar Uhren übrig blieben. So etwas nennt man dann wohl „Kundendaten sammeln“ für Newsletter und Reklame. Natürlich ist das legitim – und doch ein wenig die Uhrenfreunde für dumm verkauft.

Doch komme ich nun mal zur Kehrseite der Uhrund hole mal ganz weit aus. Kennen Sie noch die „20% auf alles, außer auf Tiernahrung!“-Reklame? Zur Erinnerung, Praktiker ist letztendlich daran pleite gegangen. Weil alle nur auf die Rabatt-Aktionen warteten und dazwischen die Märkte nur noch von Personal bevölkert wurden – und Sie wissen, wie schwer Personal in einem Baumarkt zu entdecken ist.
Hier setzt ein gefährlicher Automatismus ein: Werden einzelne Sondermodelle überbewertet (zur Freude des Herstellers), dann wird die Masse der „Normalmodelle“ unterbewertet (zum Leid des Herstellers). Niemand will „Normal“, wenn er einmal im Jahr die Chance auf „Sonder“ hat. „Dann spar ich doch lieber auf die nächste Speedy Tuesday…“ hört man es an allen Ecken und ich ergänze im Geiste „…und kauf mir bis dahin noch eine XXX.“ (hier können Sie jetzt eine beliebige, vergleichbare Marke einsetzen)
Um so größer der Frust der Kaufwilligen, wenn sie bei einer nächsten undurchsichtigen Exklusivvergabe leer ausgehen. Ein Jahr lang nichts bei Omega gekauft und jetzt nichts bekommen. Umsatztechnisch nicht gerade ein Erfolgsmodell.

Natürlich kann auch der Glückliche, dem eine Uhr zugeteilt wurde, leicht in den finanziellen Frust laufen. Wenn er sich vom direkten Verkauf eine lebenslange Altersvorsorge verspricht. Das erste Sondermodell hat gezeigt, dass direkt nach der Auslieferung Uhren mit 60-80% Aufschlag an diejenigen weiterverkauft wurden, die es sich leisten und die Uhr unbedingt haben wollten. Wer etwas später kam, den bestrafte das „Überangebot“. Hört sich bei einer limitierten Edition erst einmal komisch an, aber wenn an einem Tag zwei Dutzend Uhren auf den Plattformen angeboten werden, dann bekommt der Billigste den Zuschlag. Nach einem halben Jahr waren die ersten Modelle ungetragen für 6k zu ergattern. Und schon war der sensationelle Schnitt dahin. Vor einigen Wochen hat mich eine Privatperson angerufen, die mir als Händler eine ungetragene Tuesday anbot – für 7.500,- Euro. Als ich ihm sagte, ich würde nicht einmal den normalen VK bezahlen, da ich Händler sei, antwortete er entrüstet, „…er müsse schließlich auch noch was verdienen!!!“ Aha, er MUSS!
Der Sammler wird zum Spekulant wird zum Händler – ohne die Pflichten eines Händlers oder Konzessionärs, denn Garantie oder versteuern…ich glaube es eher nicht.

Dieses schöne Paket werden nur sehr wenige Menschen ihr Eigen nennen können. Foto: Omega

Bleiben wir noch kurz beim Konzessionär, bei dem gestern und heute die Telefone nicht stillstanden, ob dem Wunsch nach der limitierten Uhr. Ich will nicht wissen, wie oft er seine Stammkunden enttäuschen musste, weil die Uhr nur online und nur direkt über Omega beziehbar ist. Er selbst damit in Sachen Umsatz chancenlos ist – es sei denn, er hat versucht, selbst welche online zu ergattern. So entwöhnt ein Hersteller seine Kunden vom stationären Handel: Die richtig guten Sachen, die gibt’s nur online!

Bleibt also abzuwarten, wie sich die Sondermodelleritis entwickelt. Ich befürchte, damit bewegen sich einige Hersteller in Richtung „Kurzfristiges Aufhübschen der Verkaufszahlen“ zu Lasten der Vertragshändler. Das wäre für beide Seiten fatal, aber leider erst dann sichtbar, wenn es zu spät ist – Praktiker kann ein Lied davon singen.
Genauso kontraproduktiv wären Kooperationen um jeden Preis. Hersteller, die sich über Partnerschaften Kommunikations-Reichweite und Online-Vertriebswege einkaufen, um mit neuen Absatzrekorden zu glänzen. Eine „Chronext-Seamaster“ wäre durchaus ein Umsatzbringer, die Breitling der „KICK-Edition“ wohl nicht nur das Ende der Fahnenstange.

Warten wir es ab – und auf das nächste Sondermodell…

Nachtrag Mittwoch 11.07. 2018 um 18 Uhr: Die erste steht schon bei ebay-Kleinanzeigen:

6 Comments

  1. Axel R. sagt:

    Richtig und gut beschrieben! Was lernen wir daraus? Wer diese Mechanismen bei den limitierten Modellen kennt und das „Haben-Wollen-Syndrom“ etwas im Griff hat, kauft, wenn das Netz voll ist mit „Spekulationsware“ … und bei den natürlich limitierten Modellen am Ende des Lebens-/Verkaufszyklus 🙂

    Gefällt mir

  2. Andre sagt:

    Ist es bei der Panerei Bronzo nicht genauso? Jedes Jahr aufs neue 1000er Auflage mit steigenden VK-Preisen (mittlerweile von 6.000 auf 14.000 € für die 2018er weil blaues Ziffernblatt statt grünes) und daraufhin rasanter Wertsteigerung auf allen Wiederverkäuferportalen..

    Gefällt mir

  3. Antje sagt:

    Das ganze Thema ist ein schmaler grat.
    Aber zur Zeit geht es halt nur über Vintage und co.
    Zum Glück 🍀 steigt aber immer auch die Begehrlichkeit der alten originale.
    Dahers schweigt der Genießer 😊
    Und bohrt in Bernhards 145012-67 wunde.
    Gruß Antje

    Gefällt mir

  4. Robert Lau sagt:

    Man sollte doch davon ausgehen, dass ein solches Geschäftsmodell eine „Limited Edition“ ist…
    Aber solange noch jemand die Xte. Limited Edition „braucht“, obwohl sie nichts wirklich bahnbrechendes bietet, scheint die Rechnung für OMEGA ja aufzugehen.
    Finde die Marke sehr attraktiv, aber so wird jede Standard-OMEGA abgewertet. Schade….

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: