Chronext – Wie die Weste eines „Grauhändlers“ immer weißer wird.


Oder: Von hinten durch die Brust ins Auge.

Es war nur eine kleine Meldung, die vor wenigen Tagen durch die uhreninteressierte Online-Presse geisterte: Swatch Group zertifiziert Meisterwerkstatt.

Aha, denkt der interessierte Laie, das ist ja mal nett von Herrn Hayek, da muss ich meine Omegas und Longines nicht mehr in die Schweiz zur Revi schicken, dann hilft mir auch ein netter Uhrmachermeister um die Ecke. Um die Ecke liegt in Köln, ist ca. 350 qm groß und die Heimat von 11 Meistern ihres Fachs. Auf dem Klingenschild steht allerdings nicht Müller oder Meier, auch nicht Wempe oder Rüschenbeck. Die Meisterwerkstatt gehört zu CHRONEXT und damit zu dem bisher geschmähten und ungeliebten Online-Grauhändler, der von so manchem Hersteller mitverantwortlich gemacht wurde für die Uhren- und Absatzkrise der Branche – und alles weitere Unglück in dieser Welt.

In Köln kümmern sich 11 Uhrmachermeister um alles, was bei dem Online-Händler rein und rausgeht (Foto: Chronext)

Philipp Man, Mittzwanziger und Mitbegründer, hat nun also den bei so vielen Konzessionären versiegten Strom von Ersatzteilen für Breguet, Blancpain, Glashütte Original und Co. in seine Werkstatt umgeleitet. Und damit den ersten Luxuskonzern auf die angeblich doch so dunkle Seite der Macht gezogen – oder sich selbst ins Licht gerückt – je nach Sichtweise. Seine eigene lautet: „Wir sehen uns als Partner des Einzelhandels und der Hersteller.

Wo die Story eigentlich zu Ende sein sollte, macht eine solche Aussage neugierig. Partner des Einzelhandels? Durch die Reparatur hochwertiger Uhren in der eigenen Werkstatt?

Werfen wir also einen Blick hinter die PR-Floskeln und das Geschäftsmodell von Chronext. Seit 2012 verticken Philipp Man und seine Geschäftspartner neue und gebrauchte Uhren online. Nach eigenen Angaben wächst das Unternehmen jährlich um das fast 2,5-fache. Hilfreich dabei war immer eine Zutat, die den meisten stationären Händlern fehlt: Kapital. Seit Gründung sollen die Herren Man und Wurlitzer (ich verkneife mir das Wortspiel, dass Letzterer weiß, wo die Musik spielt) fast 52 Millionen Dollar Risikokapital eingesammelt haben. Sagen wir lieber: Es wurde ihnen dankbar hinterhergeworfen. Jung, Cambridge-Student, Luxusuhren – so eine Start-up-Kombination ist extrem sexy und bisher äußerst erfolgreich. 28.000 neue und gebrauchte Uhren findet der Interessent in der virtuellen Auslage. Da macht eine hochqualifizierte Werkstatt natürlich Sinn – auch weil man der Kundschaft den Ankauf der eigenen Sammlerstücke anbietet.

Versuchten die Hersteller noch vor Kurzem den digitalen Handel von Unternehmen wie Chronext und Montredo in der Öffentlichkeit totzuschweigen und/oder zu verdammen, so suchte man hinter den Kulissen die Nähe zu diesen immer größer werdenden Absatzkanälen und Umsatzbringern. Selbst die Lichtgestalt der Haute Horlogerie, Jean-Claude Biver, schloss vor der Baselworld im Schweizer Fernsehen eine Zusammenarbeit mit Chronext nicht aus (lesen Sie dazu meinen Artikel: „Hauptsache was am Arm“). Sogar eine Investition in die Plattform könne er sich vorstellen. Dann hätten wir also schon mal LVMH, die Swatch Group…so viele fehlen dann ja nicht mehr. Dass man miteinander rede, bestätigt auch Philipp Man, der nach eigenen Angaben „viele weitere Gespräche mit bedeutenden Unternehmen“ führt. Sein Ziel ist bereits definiert: Das Online-Geschäft der Hersteller zusammen mit deren Händlern aufzubauen und zu strukturieren. Na dann – wenn’s sonst nix ist…

Über 130 Mitarbeiter sorgen für reibungslose Online-Geschäfte (Foto: Chronext)

Jetzt gehe ich mal ins Detail und mir kam da eine – zugegebenermaßen haarspalterische – Frage in den Sinn: Wenn meine Meisterwerkstatt zertifiziert ist, bin ich dann auch automatisch zertifizierter Händler? Und damit…wie heißt das Wort noch einmal…Konzessionär? Und wenn ich ein solcher wäre – wäre ich dann an die bisherigen Lieferverträge mit allen Verkaufseinschränkungen und Rabatt-Verboten gebunden?
Wohl kaum, denn der Online-Handel lebt auch und vor allem von einer großen Auswahl, schneller Lieferbarkeit und hohen Nachlässen, die der stationäre Handel nicht bieten kann – weil die Hersteller sie untersagen. Fallen die Einschränkungen weg, bekommt der Grauhandel – wie im Fall Chronext – eine blütenweiße Weste. Der Makel des Unlauteren und Bösen (der rechtlich noch nie haltbar war) wird nun offiziell von den Herstellern zurückgezogen. Den „Feind“, den ich nicht besiegen kann, mache ich mir so zum Verbündeten.
Geradlinig (und das ist Philipp Man) weitergedacht, ergäben sich daraus folgende Konsequenzen: Chronext übernimmt die gesamte „Sparte Onlinehandel“ für namhafte Hersteller. Das werden in den nächsten Monaten werkseitig nicht Rolex und nicht Patek Philippe sein, aber Swatch haben sie ja bereits eingesammelt, mit LVMH laufen vermutlich die Gespräche und die Richemonts mit Marken wie IWC, JLC und Cartier saßen wohl auch schon an gemeinsamen Tischen. Wäre ich Herr Man, ich würd’s tun.

Denn Chronext kann genau das, was die meisten Hersteller und Händler nur halbherzig versuchen: Verkaufen im Netz. Und ich vermute mal ganz stark, dass demnächst in den Lieferverträgen des klassischen und stationären Vertriebs ein Passus enthalten sein wird, der dem Händler „nahelegt“, Uhren der gelieferten Marken ausschließlich über die Plattform der beliefernden Hersteller zu verkaufen. Und diese Plattform wird Chronext sein – das neue Amazon des Uhrenhandels. Und für die Bereitstellung von Technik, Knowhow und Support wird eine übliche Vermittlungsprovision fällig, die in die Taschen von – ja von wem eigentlich – fließt. Chronext? Dem Hersteller? Beides wäre verständlich, denn beide investieren ja in die Plattform.

Ist das nun endgültig das Ende des stationären Handels. Das kann ich mit einem ganz klaren „Jein“ beantworten. Es werden viele Läden schließen. Die, die nicht flexibel und kundenorientier sind und die, für die Online immer noch eine temporär begrenzte Modeerscheinung ist. Es öffnen sich aber auch neue Türen. Zum Beispiel die der Flagship-Stores der großen Marken oder Mulitbrand-Stores der Konzerne, die alle Marken eines Luxuslabels vereinen.
Und da gibt es dann noch die „Abholstationen“ der Onlinehändler – wobei wir damit wieder bei Philipp und seinen Freunden sind. Die nennen das dann „Chronext Lounge“ und bieten damit (jetzt schon!) in Frankfurt, Köln, Hamburg, Zug und London an, die Online-Schnäppchen mit persönlichem Shopping-Erlebnis zu kombinieren. Ich nenne das mal „Digital goes Ladenlokal“ und ziehe ein weiteres Mal meinen Hut vor dieser konsequent zu Ende gedachten Verkaufsstrategie, die mit einem kleinen Online-Handel in der Küche begann.

Philipp Man, Mitgründer und CEO von Chronext arbeitet am nächsten großen Deal (Foto: Chronext)

Und schon bin ich bei der Bewertung des Geschriebenen. Was bringt das alles den mehrfach genannten Protagonisten? Was dem Kunden? Meine persönliche Meinung:

Für die Hersteller: Lösung des Online-Handel-Problems. Konzentration auf einen einzigen Vertriebspartner, an dem sie bestenfalls beteiligt sind. Austrocknung des Grauhandels durch dessen partielle „Legalisierung“. Der Rest wird verdrängt.

Für den stationären Handel: Der partizipiert am professionellen Online-Handel. Verliert an Handelsmarge durch Provisionierung der Online-Plattform. Völlige Transparenz und noch größere Abhängigkeit gegenüber dem Hersteller UND der Plattform. Verlust der individuellen Stärken durch rigorose Online-Handelsvorgaben und -gleichschaltung.

Für Chronext: Aufstieg zur Nummer 1 im Online-Handel mit Luxusuhren. Partizipation am Geschäft aller Marken-Konzessionäre. Aufbau eines eigenen stationären Handels ohne die bisher üblichen Vertrags-Knebel. Wachsender Einfluss auf die Hersteller und die Produktentwicklung durch den Besitz aller relevanten Kundendaten.

Kommen wir zum Endverbraucher: Was glauben Sie, was sich für den Käufer hochwertiger Uhren ändern wird? Schöne neue Online-Welt? Bessere Preise bei fehlendem Service? Abholstation statt Prosecco-Konzi?

Hiermit ist die Diskussion eröffnet.

6 Comments

  1. Otto S. sagt:

    Dies ist eine Falschmeldung von Chronext gewesen. Sie waren nie und werden wohl auch nie zertifiziert werden. Aus sicherer Quelle bei der Swatch Group habe ich die Information, dass die Rechtsabteilung sich gerade damit beschäftigt. Zusätzlich ist nirgends mehr aus der Homepage von Chronext ein Verweis darauf mehr zu finden. Eher kein seriöses Geschäftsgebaren falsche Behauptungen aufzustellen.

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  2. Christian sagt:

    Ein seriöser Markt für Gebrauchtuhren ist schon zu begrüssen.

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  3. Othmar sagt:

    Für mich ist das der Versuch der Hersteller den rabattfreudigen Teil des Onlinehandels an die Leine zu nehmen.
    Für uns Käufer heißt das, die Uhren werden in Bälde auch online ähnlich viel kosten wie beim Konzi.
    Auf der anderen Seite wird dadurch auch der Preis für Gebrauchte steigen und unsere Sammlungen mit einem Schlag mehr wert sein!
    Da der Olinehandel mit seinen unzähligen Präsentationen, Photos, Foren, etc. die größte und beste PR-Maschine für das Produkt ist, wird der clevere Konzessionär in welcher Form auch immer im Onlinehandel präsent sein müssen!
    Mit einem hochwertigen Zweitband, einer Reservequarz für die Dusche, kostenlosem Service (z. B. vor dem Weiterverkauf der Uhr durch den Kunden) oder Rücknamegarantie zu festgesetzten Preisen könnte er auch gegen die Internetoligopole antreten und für Sammler wieder interessant werden.
    Insgesamt glaube ich dass hier ein gesunder Strukturwandel stattfindet solange keine Monopole entstehen.
    Wogegen wir als Käufer mit aller Macht angehen sollten, ist die Vernichtung der freien Uhrmacherwerkstatt durch die Konzerne!

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  4. Frank Bierwisch sagt:

    Der Handel mit klassischen, mechanischen Uhren ist in der Krise, weil kommende Generationen andere Interessen haben. Der Onlinehandel
    ist eine große Chance, neue Kundengruppen zu gewinnen, andernfalls wird es wieder eine große Krise wie in den 70/80er Jahren geben, die wohl viele Uhrenhersteller
    nicht überleben werden.

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  5. Jupp Schmitz sagt:

    Also ich habe bereits hier in Berlin beim Watchmaster Uhren besichtigt und gekauft. Ok – die Bucherer/Christ/Wempes … dieser Welt bieten etwas mehr Chichi und besseren Schampus, aber für den Preisunterschied bin ich gerne bereit, darauf zu verzichten!
    Und ob die Rolex nun Länderkennzeichen Deutschland oder Spanien/Italien… hat, ist mir zunächst völlig egal, da ich die Uhr trage und nicht damit handele und Geld verdienen will!

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