Hauptsache was am Arm…


Rettet die Apple Watch die Schweizer Uhrenindustrie? Kann der stationäre Handel trotz Chronext, Montredo und Co. überleben? Ist die Baselworld die Millioneninvestitionen der Aussteller noch wert?

Eine illustre Talk-Runde im Schweizer Fernsehen.

In der folgenden Fernseh-Reportage werden diese Fragen gestellt – und nicht immer erschöpfend beantwortet. Sollten Sie 50 Minuten Zeit haben, es lohnt sich nicht alles, aber es lohnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Im Studio des Schweizer Fernsehens trifft sich im Vorfeld der Baselword eine kleine Runde bestehend aus dem medial unverzichtbaren Jean-Claude Biver, dem Uhrenspartenchef eines Luxuskonzerns und Gesicht und Lautsprecher der Marken Hublot, TAG Heuer und Zenith. Neben ihm sitzt Jérôme Biard, Geschäftsführer von Eterna und Corum. Dazu der Jüngste in der Runde, Philipp Man, Mitbegründer der risikokapitalbefeuerten Online-Uhren-Plattform Chronext.

Jean-Claude Biver, Chef der Uhrensparte des Luxuskonzerns LVMH

Ich muss zugeben, dass ich beim ersten Anschauen das zu schnelle Urteil „Das übliche Gerede“ der üblichen Verdächtigen gefällt habe. Beim zweiten und dritten Mal habe ich mir automatisch ein paar Zitate aufgeschrieben, die ich an dieser Stelle etwas mehr beleuchten möchte. Dabei geht es vor allem um die Zukunft des Handels und der Baselworld und die angeblichen Verdienste, die die Smartwatch für die Uhrenindustrie leistet.

Bleiben wir beim Handel, dessen Zukunft Philipp Man – der mich mit seiner kompetenten und zurückhaltenden Art voll überzeugt hat – wie folgt gestalten möchte: Er sieht eine zentrale Lagerhaltung der Hersteller, deren Volumen von einer Online-Plattform (natürlich der seinigen) „global verteilt werden“. An anderer Stelle äußert er das Ziel, das Online-Geschäft der Hersteller, zusammen mit deren Händlern aufzubauen und zu strukturieren. Wenn der kleine Konzi also schon Online versucht, dann doch bitte mit Chronext. Sehr schlau, sehr effektiv, sehr zu Lasten des stationären Handels.

Herr Biver wurde daraufhin gefragt, ob er denn schon mit Herr Man zusammenarbeite – was er verneinte, aber für die Zukunft nicht ablehnte. Das könne ja noch kommen, ja sogar eine Investition in die Plattform könne er sich vorstellen. Oha…LVMH macht da doch nicht etwa Chronext Avencen…? In diesem Zusammenhang (dem Nein von Biver zu einer momentanen bestehenden Zusammenarbeit) ist ein Satz von Philipp Man entlarvend. Der sagte, dass das, was die Hersteller in der Öffentlichkeit und in der Presse zu diesem Thema verlautbaren, fundamental anders ist, als das, was in den geschlossenen Konferenzräumen mit ihnen besprochen wird. Werden sie nun? Haben sie nun? Sind sie schon? Verwirrend.

Jérôme Biard, Geschäftsführer der Uhrenmarken Eterna und Corum

Ich sagte es schon, auch die weltgrößte Messe für Uhren und Schmuck wurde angeschnitten. Hierbei ist eine Zahl von Herrn Biard sehr aufschlussreich, der zugab, dass er sich in diesem Jahr die 1,5 Millionen Messeaufwand für Eterna gespart hat, denn dafür müsse er schon viele Uhren verkaufen, um das wieder reinzubekommen. Wie bereits mehrfach im Vorfeld wird die Messe von Jean-Claude Biver aufs Heftigste verteidigt. Weil es ja ein Sehen und Anfassen, ein Erleben der Uhren geben muss. Und das gibt’s anscheinend nur auf der Messe. Ich frage mich allerdings: für wen? Wohl kaum für die 95% aller Besucher, denen quadratisch gebautes Sicherheitspersonal den Weg in den Messestand und somit zum haptischen Erleben so mancher Luxusmarke verwehren.

Mein Lieblingsteil der Reportage ist allerdings der, in dem Herr Biver Apple (scherzeshalber) einen Franken für jede verkaufte Schweizer Uhr bezahlen möchte, weil die Erfinder der Smartwatch die Grundlage für die zukünftigen Erfolge der mechanischen Uhrenindustrie seien. Kein Witz – schauen Sie nach… Konkret glaubt der gebürtige Luxemburger wirklich, dass es nur wichtig sei, wenn Menschen wieder was ans Handgelenk legen, egal ob digital oder analog. Denn dann werden sie irgendwann auch nach Qualität und teurer Mechanik streben.

Nach dieser Logik wird jeder Käufer eines Elektro-Smarts irgendwann auch Fahrer eines 500 PS starken Bentleys. Die Gummistiefelhersteller freuen sich wie Bolle über jeden auf Ibiza verkauften Flip-Flop, denn irgendwann werden die Strandlatschen-Läufer auch zu hohem Kautschuk greifen…Hauptsache was am Fuß!

Philipp Man, Mitbegründer der Online-Handelsplattform „chronext“

Vielleicht…ja, ganz viel vielleicht würde ich diesem Gedankensprung folgen können, wenn eine SmartWatch eine Uhr wäre – ist sie aber nicht. Sie ist ein Mini-Computer am Handgelenk, der – zugegeben – auch die Zeit anzeigt. Aber das kann mein Herd, mein Auto und meine neue Heizung auch. Werden also Miele und Vaillant die Uhrenindustrie retten? Laut Umfrage bei den Trägern einer SmartWatch liegt der Kaufgrund und Hauptnutzen der Uhr (77%) in den Anwendungen Textnachricht, Terminkalender und Fitness-Funktionen. Deshalb bin ich überzeugt, dass der nächste Handgelenksschmeichler der SmartWatch-Träger eine noch smartere SmartWatch sein wird. Und danach noch eine…vielleicht viel dünner und schon im Hemdärmel eingewebt.

Welche Logik sagt, dass ein Technik-Freak auf eine mechanische Uhr downgraden würde, die wirklich nix anderes kann als Uhr? Meine Logik nicht. Natürlich werden aus Kindern auch Leute, und einige werden sich auch mit tollen Zeitmessern schmücken – anlassbezogen und NEBEN einer SmartWatch (weil ich mit der jetzt auch meine Heizung bedienen kann – echt jetzt!). Wie kommt also Herr Biver zu dieser Meinung? Vielleicht weil er mechanische Uhren verkaufen muss und das auch noch in zwanzig Jahren möchte. Vielleicht weil er selbst mit TAG Heuer eine „Connected Watch“ produziert und das natürlich den Vorständen schmackhaft machen muss. Und natürlich weil Jean-Claude Biver zu allem innerhalb der Uhrenbranche seine Meinung hat – und ihn die Medien natürlich dafür lieben. Manchmal laut, manchmal provokant, aber immer mit dem größtmöglichen Enthusiasmus für das Thema Uhr. Vielleicht habe ich ihn einfach falsch verstanden oder Sie sind der gleichen Meinung wie er? Dann lassen Sie uns drüber diskutieren.

Hier nun der Beitrag:

2 Comments

  1. Rene Isau sagt:

    Ich sehe hier mehrere Dimensionen auf die Branche zukommen…

    a. Stationärer Handel – keine oder eine sehr unbedeutende Rolle, sogar im Hochpreis-Segment. Das „Haptische“, das der Verbraucher anscheinen so dringend will, das hat bereits die Audio-Branche die Existenz gekostet. Das kann man als vernünftig denkender Mensch kaum noch als Überlebensargument nutzen, egal in welcher Branche. Denn: dieses „Haptische“ bekomme ich auch durch Zusendung und Rücksendung einer Uhr hin, sofern ich den Value-Versender dafür zu bezahlen bereit bin. Im Vorteil eines Online-Preises von teils -30% werden das fast alle Uhrenkäufer akzeptieren. Ich zitiere meine 13-jährige Tochter: „…Papa, wer geht denn noch in einen Laden!“

    b. SmartWatch oder Old school – Ich habe durchaus Bekannte, die voller Euphorie eine Apple Watch gekauft haben, die wenigsten davon machen wesentlich mehr damit als auf die Uhr zu schauen. Da kommt mal wieder das typisch Männliche durch: ich kaufe das, nicht weil ich es brauche, ich will es HABEN! Die wenigsten SmartWatch Besitzer machen tatsächlich mehr Sport und ein paar davon sind inziwschen bereits wieder genervt, dass das blöde Ding bei jeder eingehenden WhatsApp Nachricht nach Aufmerksamkeit schreit. Viel genervter sind allerdings alle Anderen, die sich mit einem SnmartWatch-Besitzer ganz gern unterhalten wolten, wenn der nicht ständig auf sein Alarmismus-Gerät schauen würde. Einige dieser SmartWatch-Kollegen haben daher wieder auf Analog gewechselt und, aufgrund der hohen Kosten der SmartWatch, dabei auch mal höher gegriffen als zuvor. Einen bedeutsamen Trend wird das aber wohl nicht haben. die Apple Watch Generation 9 wird irgendwann schon mal richtig gut sein und irgendwas können,w as man tasächlich brauchen kann.

    c. SmartWatch or no watch – Als Vater meiner bereits oben erwähnten Tochter muss ich ganz deutlich sagen: ICH hätte ihr so gern eine Uhr geschenkt. Esgibt doch für einen Vater kaum etwas ehrfurtsvolleres, als die Uhr, die der eigene Vater von den ersten selbstverdienten D-Mark nach seiner Lehre gekauft hatte, damals, 1963. Ok, meine wirtschaftliche Situation ist eine völlig andere, aber diesen Zustand, dass meine Tochter später mal sagen kann „das hier ist mein erster Wecker, den hat Papa mir gekauft, als ich ins Gymnasium gekommen bin“, den hätte ich ja so gerne hergestellt. Im Sommer 2018 kommt meine Tochter nun in die 8. Klasse. Sie will keinen Wecker, immer noch nicht. Daniel Wellington und alle weiteren Influencer-Marklen hin oder her. Sie hat doch ihr Handy, da ist ne Uhr auf dem Sperr-Bildschirm, das reicht. Ach, aber das Handy ist schon knapp 3 Jahre alt. Da hätte sie gern mal ein neues….

    Ich mag Herrn Biever daher so rein gar nicht zustimmen. Am Arm der zukünftigen potentiellen Käufer baumelt derzeit und bis auf weiteres nur noch das Pandora-Armband. Sonst nichts. Und was den Handel angeht – schade, dass man von CHRONEXT keine Aktien kaufen kann.

    Gefällt mir

  2. Lutz sagt:

    Danke für die Zusammenfassung!

    Das Thema smartwatch seh ich genau so. Viele Nicht-Uhrenträger in meinem Umfeld tragen mittlerweile smartwatch. Aber nie wegen der Uhrzeit…

    Ich glaube, in diesem Punkt irrt JCB, den ich ansonsten sehr schätze.

    Die Branche, wie wir sie gerade sehen, scheint tatsächlich ein Auslaufmodell zu sein. Bin sehr gespannt.

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