Hier ist alles Gold was glänzt.


Vollgoldene Uhren sind keine Einstiegsdroge. Der Kauf und vor allem das Tragen einer solchen Uhr bedarf eines hohen Suchtpotenzials oder – Zitat eines mir bekannten Sammlers – extrem dicker Eier.

Ich rede hier nicht von Weißgold, der Feigling-Variante des güldenen Mammons. Auch nicht von Roségold, dem Modeglanz der Hip-Hop-Haudegen und Halunken-Rapper. Wer schon den „Mann mit dem goldenen Arm“ spielen möchte, der greife zum teuren und guten (Farb-) Ton, dem Gelbgold.

Ich habe sie nun also erklommen, die letzte von vielen, anfangs vermiedene Evolutionsstufe des Uhrensammelns. Ich habe mir meine erste „Vollgoldene“ gekauft. Und damit die letzte, der mir selbst gestellten Mutproben bestanden. Viele Sammler entschuldigen die Enthaltsamkeit gegenüber dem gelbgoldenen Glanz mit Ausreden wie: „Ich hab doch eine Patek in Weißgold“ oder „Ich vertrag halt nur Platin am Arm“. Vollgold ist keine Geldsache, sondern eine Frage des Selbstvertrauens – manchmal auch der gnadenlosen Selbstüberschätzung…

Wie viele Schmerzgrenzen musste ich überwinden, bis ich mich an die hier gezeigte „Tigerauge“ herandienen durfte. In den ersten Jahren der Leidenschaft waren es finanzielle Stufen, die es zu erklimmen galt: Die erste Uhr über 100,- DM, die erste über 200,- Euro, 500,- ja sogar die Tausender-Grenze wollte mutig übersprungen werden.

Parallel dazu galt es mit dem Image bestimmter Marken klarzukommen. Mit dem Understatement einer gebrauchten Vintage-Omega konnte ich gut leben, noch besser kokettieren. Meine erste Breitling machte mir da schon ein wenig mehr Probleme. Breitlingträger – waren das nicht diese Pseudo-Sportler und Möchtegern-Flieger, deren Chronomat immer etwas zu fett und zu locker am Handgelenk hing? Ich probierte es mit einer Navitimer – das war gerade noch akzeptabel. Danach habe ich mich als Junior-Paneristi versucht, weil mir das Bänderwechseln immer schon Spaß gemacht hat. Die Bäder blieben, die Luminors und Radiomirs sind weitgehend aus meinem Leben verschwunden.

Und wie jeder Uhrensammler, der es sich leisten will, stand ich irgendwann vor der Frage aller Fragen: Werde ich eine Rolex tragen? Will ich den uhrologischen Proll geben? Werde ich auf der Straße vom Mob gelyncht und ans moralische Kreuz des Protzes genagelt?

Meine Leser wissen es: ich habe es (mehrfach) gewagt, wurde nie auf mein Krönchen angesprochen und weise beidseitig keine Nagellöcher in den Händen auf.

Wer als Sammel-Novize nun glaubt mit „teuer“ und „Rolex“ sei das Ende der Ladentheke erreicht, der irrt gewaltig. Nach Geld und Marke geht’s nun mit dem Material weiter. Leider geht „ein bisschen Gold“ nicht wirklich. Das nennt man dann bicolor, two tone oder Stahl/Gold und ist am Arm wesentlich verhaltensauffälliger als die reinmetallische Variante. Ich habe einige Bicolori besessen, daher darf ich es sagen: Stahl/Gold ist bei vielen Modellen sehr nahe an der Geschmacksverirrung. Die Farbkombination passt einfach nicht und schadet dem Sehnerv.

Kommen wir zur letzten materialkundlichen Stufe im Leben eines Uhrensammlers. Genauer gesagt, zu den mutigsten Drei:

Standard: Eine Uhr mit gelbgoldenem Gehäuse. Gehalten von einem hochwertigen Kroko-Lederband sind solche Zeitmesser zuhauf an den Handgelenken von maßbeschneiderten Managern und Dax-Vorständen zu finden. Gerne und viel mit Komplikationen befüllt und aus bestem Hause (sowohl Träger als auch Uhr).

Profi: Gelbgoldenes Gehäuse UND Band. Wer so offensichtlich sein Vermögen zur Schau stellt, wird leicht des Protzes und des Overstatements beschuldigt, wenn nicht sogar des Neureichentums – meist zurecht. Diese Art von Bling ist selbst durch eine doppelte Hemdmanschette kaum zu verbergen. Das gefühlt kiloweise Tragen des Edelmetalls zieht die Augen des Gegenübers magisch an und den Träger auf der Neidliste des Betrachters ganz weit nach oben.

Master: Vollgelbgold aus dem Hause Rolex. Die ultimative Mutprobe. Auch ohne den oft begleitenden Brillantenbesatz. Mit dem Tragen einer goldenen Krone wird augenblicklich die größte aller Vorurteils-Schubladen aufgerissen. Der mutige Uhrenfreund fällt tief und findet sich hineingestopft zwischen Hamburger Luden und bildungsfernen Türkei-Urlaubern.

Auch gegenüber eingefleischten Uhrensammlern wird er sich ständig rechtfertigen müssen, denn das Zurschaustellen „von Sowas“ ist für viele „seriöse“ Liebhaber jenseits aller Geschmacksgrenzen und ruft meist peinliche Verwirrung hervor.

Mit einer goldigen Rolex dürfen Sie sich also entscheiden zwischen Huren-Horst oder Sammel-Sepp, ein wertneutrales Urteil zur wertstabilen Uhr wird Ihnen wohl versagt bleiben.

Mein Tipp: Probieren Sie es trotzdem einmal aus. Schnallen Sie sich das gelbe Edelmetall um den Arm ohne das Handgelenk im Buxensack zu verstecken, und üben Sie den aufrechten Gang beim nächsten Treffen der „Uhrenfreunde Hückeswagen“. Ab diesem Moment kennt Sie auf Kreisebene jeder Sammler.  Und viele von denen sind einfach nur neidisch.

Wie sagte schon Oliver Kahn: „Eier, wir brauchen Eier!“

8 Comments

  1. Michael sagt:

    Wunderschöne Uhr Herr Strohm, ich selbst nenne eine vollgold Daydate mit brillant Besatz mein Eigen, welche ich auch ab und an ausführe. Speziell in meinem Beruf (piercer in einem Tattoostudio) sorgt diese immer für erstaunte Blicke. Aber was soll ich sagen, es ist ein Genuss.

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  2. Thomas sagt:

    extrem schönes „Tigerauge“ Herr Strohms, gefällt mir sehr !!! Ich habe meine gelbgoldene Submariner von 1991 vor langer Zeit verkauft, aber bei Ihrer könnt ich jetzt wieder schwach werden.

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  3. Antje sagt:

    …und mit Urlaubsgebräunter Haut gleich noch viel schöner.
    Gruß von einer „Standart“ Trägerin einer 18kt Longines aus 1941.

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  4. THE LLIGHT sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer wunderschönen neuen Rolex! Ja, dazu braucht man wohl „cojones“ – und eine gut gefüllte Portokasse. Und die Uhr steht Ihrem Arm ausgezeichnet.

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