Uhrentest: Mühle Glashütte „Lunova Tag/Datum“


Eine Uhr zwischen „Wow!“ und „Watt?“

Angefangen hat dieser Uhrentest eigentlich auf der diesjährigen Baselworld, genauer gesagt am Stand von Mühle Glashütte, als ich die Uhren der „Lunova“-Serie zum ersten Mal befingern durfte. Es wurden erste Meinungen ausgetauscht und vereinbart, dass ich mal ein wenig genauer hinschauen sollte.

Vor einigen Tagen ist also das Paket aus Glashütte eingetroffen. Inhalt: Die „Lunova Tag/Datum“ und die Meinungsbildung konnte somit beginnen. Während des Schreibens liegt sie vor mir, allerdings leicht verändert, wie die Leser gleich selbst feststellen werden. Denn die Uhr hat während des Tests viele positive Ausrufezeichen gesetzt – aber auch ein paar Fragezeichen hinterlassen.

Doch fangen wir erst einmal mit den Fakten an, entnommen der Homepage des Familienunternehmens, das Thilo Mühle jetzt schon in der 5. Generation führt. Mehr zu ihm und dem Unternehmen erfahren Sie in dem von mir geführten Interview.

Die Lunova findet man dort unter der Rubrik „Funktionale Armbanduhren“ (im Gegensatz zur Manufakturlinie „Robert Mühle“) zusammen unter anderem mit ihren beiden Schwestern „Datum“ und „Chronograph“. Jetzt aber zu den Details:

Das Werk ist ein SW 220-1 aus dem Hause Sellita, Version Mühle, Automatik, Version Mühle mit patentierter Spechthalsregulierung, eigener Rotor, charakteristische Oberflächenveredelungen, Sekundenstopp, Schnellkorrektur für Datum und Wochentag, 38 h Gangreserve. Das Gehäuse besteht aus Titan gebürstet/poliert, doppelt entspiegeltes Saphirglas, Boden mit Sichtfenster, Verschraubte Krone, Wasserdicht bis 10 bar, Krokolederband mit Dornschließe aus Titan. Die Maße sind Ø 42,3 mm; H 11,0 mm. Das Zifferblatt ist schwarz, applizierte Indizes, Stundenmarkierungen und Zeiger mit Super-LumiNova belegt.

Soweit die Fakten und nun zu Herrn Strohms ganz persönlicher Meinung.

Der erste Eindruck: Als ich die erfrischend zurückhaltende und nicht überproportionierte Box öffnete gingen mir zwei Gedanken durch den Kopf.

Uhr: Wow! Band: Watt?

Ein dunkelbraunes Armband zum schwarz-grauen Zifferblatt? Jetzt höre ich schon halb Glashütte aufschreien: „Aber die hellbraunen Nähte korrespondieren doch genau mit den Fünfminuten-Indizes!“ Ja tun sie und ich rede über den ersten Eindruck. Ich war (und bin) verwundert.

Zweiter Eindruck: Sehr gute Haptik, wertige Anmutung und doch recht leicht, dank des Titangehäuses. Letzteres macht sich vor allem positiv beim Tragekomfort bemerkbar. Ich bin der Fummel-Typ, der alles wirklich mehrfach und ausgiebig befingern muss. Während andere die Lupe zücken, kann ich minutenlang über Kanten reiben und Übergänge „erfühlen“. Vielleicht hat das mit meinen -7 Dioptrien zu tun. Auch wenn für mich persönlich die rückwärtigen Kanten der Hörner etwas zu scharf sind – das Gehäuse fasst sich gut an. Das will man gerne ums Handgelenk schnallen. Das beste am Titangehäuse – es sieht nicht aus wie ein Titan-Gehäuse. Nicht diese matte Grau, sondern eher ein Edelstahl-Glanz.

Ich komme kurz zum Innenleben des Gehäuses, oder wie wir Fachleute sagen: Zum Werk. Zu dem oben bereits erwähnten Sellita-Werk ist bestimmt schon alles gesagt. Bei meinem Tragetest hatte die Uhr einen Gang von durchschnittlich -5 Sekunden. Das sind klasse Werte.

Zuschauen kann man dank Sichtboden und verfolgt so den logoverzierten Rotor bei der Arbeit. Die leicht rasselnden Aufziehgeräusche erinnern mich an manche Junghans Chronoscope-Modelle. Die Krone ist verschraubt und könnte für mich einen Ticken größer und fingerfreundlicher sein.

Wieder zurück zu den Äußerlichkeiten und dem Gesicht einer Uhr: Dem Zifferblatt. Da gibt’s von mir die volle Punktzahl und ich als Designer bin meist überkritisch. Das Zifferblatt selbst wird von Mühle als „schwarz“ beschrieben, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Für mich ist es ein dunkles Anthrazit, das lebt. Will heißen: Von der Seite betrachtet hat es eine gleichmäßige Färbung. Bei frontalem Blick scheint es zur Mitte hin heller, wodurch eine vermeintliche Tiefe entsteht. Ein ähnlicher Effekt wie ein Sonnenschliff, nur ohne Schliff – Sie verstehen was ich meine? Ich kann mich an ein ähnliches Zifferblatt bei anderen Uhren nicht erinnern. Eine wirkliche Alleinstellung der Lunova-Modelle.

Perfekt dazu passend die Zahlen und Indizes in weiß und hellbraun. Mit dem Anthrazit eine tolle Farbkombination! Die klassisch einfachen Stunden- und Minuten-Zeiger, dazu der flotte Sekundenzeiger mit hellbrauner Spitze – passt und wird von einer perfekten Ablesbarkeit begleitet. Tag und Datum drängen sich nicht in den Vordergrund, sind aber informativ präsent. Beim doppelt entspiegelten Saphierglas wurde nicht gespart, die Beschichtung ist außergewöhnlich, was ich beim fast reflexfreien Fotografieren besonders gut beurteilen kann. Danke dafür!

So! Damit hätte ich den Mittelteil der Uhr besprochen. Kommen wir nach der Pflicht zur Kür und dem eingangs ausgerufenen „Watt?“

Meine Leser kennen meine Vorliebe für schöne und gute Uhrenbänder, meine Experimentierfreude und auch die eigenwilligen Kombinationen, die daraus entstehen. Dank meines Shops kann ich sehr gut beurteilen warum manche Uhren – ich sag mal – etwas länger bei mir verweilen. Und nach welchem „Tuning“ sie nach wenigen Minuten den Besitzer wechseln. In den meisten Fällen hat dies direkt mit dem Armband zu tun. Weil ich das Standard-Band (und hier ist das Wort im negativen Sinne gemeint) gegen etwas Mutigeres tausche.

Serienmäßig verbaut ist an der „Lunova“ ein braunes Krokolederband, das hälftig gepolstert ist. Diese teilweise Polsterung in Verbindung mit der natürlichen Narbung des Leders können leicht zu Knick und Bruchstellen führen, vor allem wenn die Schließe genau über so einem Narbenbereich liegt und scheuert. Dort wo die Polsterung aufhört bildet sich sowieso ein Knick, das Band lässt sich nicht „rund“ tragen. Die Qualität des Bandes an sich ist nicht zu bemängeln, da habe ich auch in höheren Preisklassen schon ganz andere „Brettchen“ am Handgelenk gehabt. Die Frage aller Fragen bleibt trotzdem: Warum dunkelbraun?

Auch wenn die helleren Nähte die Farbe der Indizes aufgreifen, bleibt es ein dunkel rotbraunes Band zu einem schwarz-grauen Zifferblatt. Und das ist für mich: daneben. Hoffentlich nicht gewollter Nebeneffekt: Es macht die Uhr alt. Extrem konservativ und unsportlich. Legt man Gehäuse und Band getrennt, so sind sie Welten auseinander.

Wenn ich die Uhr schon mal entkleidet habe, dann such ich auch gleich mal was Passendes zum Anziehen. Zwei Vorschläge zur Güte in Form eines hochwertigen Krokos und eines sportlichen Rauleder-Bandes. Das graue Reptil greift die Farbe des Zifferblattes auf. Die Uhr wirkt edel und passt unter jeden Maßanzug.

Das Vintageband aus Rauleder hat exakt den Farbton der hellbraunen Indizes. Und schon wird die Uhr um Jahre jünger und wesentlich sportlicher. Das Spiel könnten wir jetzt noch mit einem grau-schwarzen NATO fortführen oder einem Kautschukband. Eine Uhr – viele Gesichter.

Noch eine letzte Bemerkung zum Thema Band. Ich war verwundert ob der 22mm Bandbreite. Für eine nicht hochbauende Uhr von 42mm Durchmesser ist eigentlich ein 20mm Band die Norm. Man kann natürlich beides machen – das breitere Band lässt aber die Uhr etwas kleiner erscheinen. Das Leder an der Uhr wird umso dominanter, das Gehäuse wirkt weniger elegant.

So, jetzt aber Schluss mit Band und hin zum Abschluss-Plädoyer. Und hier kommt auch zum ersten Mal der Preis der Uhr ins Spiel: Ziemlich genau zweitausend Euro. Das wahrscheinlich am härtesten umkämpfte Preissegment im Uhrenhandel. Viel Geld und doch zu preiswert für so manchen Prestige-Sammler. 

In diesem Umfeld setzt die „Lunova“ durchaus einen „neuen Lichtpunkt“ (damit hat sich jetzt auch mein kleines Latinum bezahlt gemacht und die Herleitung des Namens ist geklärt). Qualität und Verarbeitung erreichen ein hohes Niveau, das neue Design der Serie ist wirklich top! Über die Bandwahl lässt sich streiten (was ich ja getan habe), aber so ist das halt mit dem Geschmack.

Die Uhr ist dank Titangehäuse eine robuste und trotzdem elegante Begleiterin, die die Gene der „Nautische Instrumente Mühle Glashütte“ nicht verleugnet und das Sortiment des Unternehmens gekonnt optisch erweitert. 

Mit einfachen Worten: Die „Lunova“ macht viel Spaß fürs Geld.

 

3 Comments

  1. rolf sagt:

    Sehr schön gesagt, das mit den nicht rund zu tragenden Bändern ……. gerade kämpe ich mit einem gepolsterten Alligatorband, welches mir die Uhr immerzu auf den Knöchel schiebt.
    Dass es auch an der Polsterung liegt, da bin ich nun seit 27 Jahren nicht drauf gekommen, seit ich eben gepolsterte Bänder trage. Das gibt sich aber, wenn es eingetragen ist.
    Auf die Mühle bin ich auch gespannt, aber bislang war sie beim Händler leider noch nicht zu sehen.
    Das braune Original-Band gefällt mir außerordentlich gut an der Uhr.
    Das Hirsch Terra passt allerdings auch zu ihr.

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  2. Dr. Jürgen Simonis sagt:

    Wie immer ein sehr hilfreicher Test, der Appetit auf „mehr“ macht. Danke dafür.
    Ich hatte diese Marke bisher noch überhaupt nicht im Blickfeld.
    Das braune Originalband gefällt mir auch nicht an der Uhr. Das graue von Herrn Strohm aber noch viel weniger.
    Das Raulederband gefällt mir wiederum sehr gut. Aber hat Mühle denn kein schönes Metallband für die Uhr? Das würde mir vermutlich am besten gefallen.

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  3. ich kann jedem Argument für die anderen Bänder folgen, mag trotzdem alle drei.
    Unfolgsame Grüße
    von einem aus einer Zeit, wo braun zu schwarz ungeheuerlich war
    Wolfgang

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