Ist das Vintage oder kann das weg?


Die erste Entscheidung im Leben eines Uhrensammlers lautet: „Modern oder Vintage“ (viel später lautet sie: Rolex-Vintage oder Eigenheim). Oder kurz gesagt: Kauf ich alte oder neue Uhren. Lassen wir das neue Eisen mal außen vor und beschäftigen uns mit den Old-Timern (welch passender Name) unter den Uhren. Im Allgemeinen wird eine Uhr, die vor der Quarzkrise Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger produziert wurde in die Vintage-Schublade einsortiert.

Das sagt erst mal noch nichts über körperliche Gebrechen des Zeitmessers, denn auch hier  sind durchaus Uhren im ladenneuen Zustand (NOS – New Old Stock) zu finden. Relikte aus längst geschlossenen Meisterbetrieben – Scheunenfunde aus den Werkstätten hundertjähriger Uhrmacher, die heute noch den Kauf einer Quarzuhr mit Teufelsanbetung gleichsetzen.

Auch Alter hat seine Schönheit (der Spruch hängt an meinem Badezimmerspiegel), aber auch seine Tücken: Rost, Trockenheit, Kratzer und Macken. Aber damit lebt der Vintage-Fan (besser gesagt seine Uhren) gerne und gut. Denn er kennt jenen hundertjährigen Heiler, der aus dem alten Eisen neues Leben erschafft.

Doch was mir da in den letzten Jahren als „Vintage“ verkauft wurde – und schon der Versuch macht mit wütend – treibt mir die Tränen in die Uhrmacherlupe. Da werden Gehäuse aus Nickel zu purem Gold oder ein fehlendes Horn zu einem „Kratzer, der sich bestimmt rauspolieren lässt“. Unbedarften Jungsammlern verkauft man schon mal den abgefallenen Stundenzeiger als einen „antiken Régulateur“.

Die Krone fehlt? Was soll’s – ist doch sowieso eine Automatik. Und wenn die Automatik nicht mehr laufen möchte, dann hilft nur eins: Batteriewechsel! Diesen Tipp las ich vor Kurzem in einem Uhrforum – also muss es wohl stimmen. Und auch kaputte Uhren gehen zwei mal am Tag richtig.

Und schon sind wir bei einer weiteren Verschleierungs-Taktik namens „Patina“, die meist „wunderschön“ oder „altersentsprechend“ daher kommt. Daran merkt man erst so richtig, dass „die Uhr gelebt hat“.

Bei einigen habe ich eher den Eindruck, sie wäre zusammen mit dem Besitzer an dessen Arm gestorben. Dafür sprächen die Handgelenks-Rückstände an (im) Band und an der Rückseite der Uhr, die das Gewicht des Schmuckstückes auch schon mal verdoppeln. So was nenne ich dann einen hausgemachten DNA-Test.

Liegt viel Schrott auf einem Haufen, dann spricht der Verkäufer gerne von „Konvolut“, „Bastelware“ oder noch lieber von „Sammlungsauflösung ohne vorherige Gangwertbestimmung“. Die Papiere des „Erbstückes“ sind natürlich beim letzten Umzug verloren gegangen. Oder wie mir ein netter Vorbesitzer versicherte: „In den Sechzigern war es nicht üblich, Uhren mit Box und Papieren zu verkaufen“. Ja, er wollte was verkaufen: seine Kunden als dumm!

Sollten die werten Leser von Herrn Strohms Uhrsachen also nicht im Besitz von drahtseiligen Nerven sein, oder eine besonders niedrige Humorschwelle besitzen – dann empfehle ich als Sammelgebiet das Horten von Neuware. Die Stolpersteine heißen dann nicht Vintage, sondern Fake. Aber da komme ich anderweitig drauf zurück. Zum Abschluss aber noch eine kleine Auswahl von wirklichen Vintage-Schätzchen, die nicht mehr alle in meinem Kästlein, aber mir doch sehr am Herzen liegen.

1 Comment

  1. Holger Voigt sagt:

    Es ist wohl wahr – Begriffe wie Patina und Vintage sind, sagen wir mal, dehnbar. Und tatsächlich trifft man auf nicht wenige Zeitgenossen, die unsereins schlicht und einfach über den Tisch zu ziehen gedenken. Es gibt daneben aber auch jene, die nur die eine überflüssig gewordene Uhr veräussern wollen, die nicht mehr versprechen als glaubhaft, die keine Phantasiepreise fordern. Ich habe den einen oder anderen Zeitmesser aus dem Netz gefischt, dessen Erhalt sich lohnte. Meine einfache Rechnung: Preis plus Uhrmacherentgeld „günstig“ = kaufen. Sonst Finger weg. Defekte Longines für hundert plus zweihundert Reparatur macht eine schöne Uhr, die sonst teurer geworden wäre. Das schliesst natürlich „vergammelte“ Ruinen aus, guter kosmetischer Erhalt ist wünschenswert. Dies ist natürlich nur subjektive Sicht und zugegeben – man haut auch mal daneben. In diesem Sinne…

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