UPE, UVP? LOL!

Die leicht älteren unter meinen Lesern können sich bestimmt noch an den 01. Januar 1974 erinnern. Was haben wir gefeiert. Nein, nicht das neue Jahr, sondern die Abschaffung der Festpreisbindung von Markenartikeln. Was heute noch bei Büchern gilt, wurde damals für andere Warengruppen abgeschafft: Der verbindliche Preis auf einen Artikel, der gesetzlich von allen verlangt und bezahlt werden musste.

Ersetzt wurde der Festpreis durch die UPE – die unverbindlich Preisempfehlung. Warum ich so detailliert darauf rumreite? Weil eine unabhängige Uhrenfachjury (also ich) zusammen mit mir das Unwort des Jahres(anfangs) gewählt hat. Und gewonnen hat, Sie glauben’s kaum: Die „unverbindliche Preisempfehlung“. Auf dem zweiten Platz landete „Listenpreis“, gefolgt von „Wertsteigerung“…aber dazu mehr in einem der folgenden Beiträge.

Dem Wortkonstrukt der UPE und des UVP gemein ist das Merkmal der Unverbindlichkeit. Leider ist das heute wie mit allem Unverbindlichen, man schaut darüber hinweg, nimmt es nicht wahr, ignoriert es. Früher, ja früher da war alles noch anders, da war ein Preis ein Preis, ein Mann ein Wort und der Kunde manchmal noch König, aber meist doch recht hörig.

Die „Geiz ist geil“-Mentalität provoziert es, dass die geschriebene und auch die gesprochene Zahl ignoriert und zum Abschuss (besser gesagt zum Rabatt) freigegeben ist. Dass das Preisschild, das einmal den Unterschied zwischen Luxus und Ramsch symbolisierte, geflissentlich übersehen wird – soweit die Ware überhaupt noch ausgepreist wird. Der Listenpreis hat einen neuen Feind bekommen, den „Marktwert“. Dieser hat den taktischen Vorteil für den Käufer (aber auch für den Verkäufer!), dass er so schwammig ist wie SpongeBob und damit von jeder Partei frei definiert werden kann. Selbst Aiman Abdallah hat der Suche nach der UPE eine ganze Galileo-Mystery-Folge gewidmet – ohne Erfolg.

„Das ist die freie Marktwirtschaft“ höre ich diejenigen rufen, die mit ihrem Fähnchen „Nur bei 25 Prozenten geh ich nicht zum Konkurrenten“ die letzten Ladengeschäfte der Fußgängerzonen stürmen. Die rabattsüchtigen Freunde der grenzwertigen Check24-Familie.

„Ich krieg 25%!!“ ist das neue „Ich hab Abitur“ und somit der Bildungsnachweis für die kommenden Generation von Betriebswirten.

Aber stellen wir das Licht doch einmal auf die andere Seite der Ladentheke und beleuchten die vielerorts und vor allem bei Uhren aus dem Luxussegment angewendete Technik der Preisumgehung. Natürlich grenzt es teilweise an Unverschämtheit dem Konzessionär die Prozente-Pistole auf die Brust zu setzen, mit der Drohung, sonst „im Netz“ zu kaufen. Doch gilt Gleiches nicht auch umgekehrt? Dass der Händler plötzlich den „Marktwert“ einer seltenen Luxusuhr für sich entdeckt, vor allem wenn, er weit über der UPE liegt. Ein Satz, zwei Interpretationen:

„Ich hätte gerne 25% auf den Listenpreis.“

Sind dies die Worte des Kunden, dann erwartet er die Reduktion des Preises um ein Viertel.
Spricht so der Händler, so betont er stimmlich und finanztechnisch das kleine Wörtchen „auf“, denn er schlägt 25% gegenüber dem Listenpreis auf. Und witzigerweise (für ihn) kann sich der Händler auch auf den Marktpreis beziehen – und „das Netz“. Dort treiben vor allem die privaten Anbieter den Wucher voran, indem sie ihre Erstkäufe aus den Häusern Rolex oder Patek Philippe für über das Doppelte feilbieten. Und so mancher „Sammler“  erwähnt nicht ohne Stolz, dass er ohne mit der Wimper zu zucken bereit und (vor allem!) fähig war 100% über Liste zu bezahlen.

Dass in der Kombination „über Liste“ auch das Wort „überlisten“ drinsteckt, ist sicherlich reiner Zufall.

In alten Wirtschafts-Lehrbüchern steht geschrieben, dass Preisnachlässe den Verkauf ankurbeln und eine künstliche Verteuerung der Tod des Umsatzes sei. Wir haben es zwischenzeitlich soweit gebracht, dass genau das Gegenteil zutrifft: Rabatte machen gesunde Marken kaputt, Mondpreise lassen die Meute heulen und sabbern.
An dieser Stelle noch ein kleiner Einschub: Die so gerne genommenen, völlig überzogenen Streichpreise haben nichts mit der UVP zu tun. Auch wenn Sie den Eindruck erwecken wollen, dienen sie nur einem vorgetäuschten Rabatt und sind strafbar.

Jetzt aber gebe ich das Wort an Sie: Was sind Ihre krassesten Erlebnisse mit der UPE? Wo gab es haarsträubende Rabatte, ungerechtfertigte Aufschläge und ärgerliches Geschacher? Wo liegt Ihrer Meinung nach die größte Diskrepanz zwischen verlangtem Preis und Marktwert? Lassen Sie uns per Kommentar daran teilhaben – wir sind gespannt.

4 Comments

  1. Aribert sagt:

    Es gibt Händler und das ist bekannt, z.B.im Frankfurter Raum, da bekommt man auf Uhren ca. 20-25% Rabatt ohne zu handeln. Mit ausgefüllter Garantiekarte etc… das alles vor dem Internetzeitalter. Allerdings ohne die Marken AP, PP, RX. Sondern Breitling, Omega etc…
    Dort habe ich auch die eine oder andere Uhr erworben und für meine Submariner habe ich damals bei Wempe 6 oder 8% bekommen. Ich hätte die Uhr auch ohne Rabatt gekauft. Ich habe höflich gefragt. Was ich heute so verwerflich finde und da haben die Hersteller eine Mitschuld daran. Denn die Uhrenproduktion liegt bewusst unterhalb der Nachfrage.
    Sie müssen nichts ändern, denn es läuft alles bestens.
    Allerdings ohne mich.
    Denn ich bin nicht bereit für Edelstahl PP, AP oder RX einen abstrusen Preis (z.B.PP in Edelstahl 90.000) zu bezahlen. Da schaue ich mich nach Alternativen um. Raymond Weil, Maurice L. oder Zenith um ein paar Beispiele zu nennen..
    Die Uhren trage ich sehr gerne und sie sind zu einem guten Preis, der zum Teil unterhalb der Revisionskosten namhafter Hersteller liegt, erhältlich.
    Als Geldanlage ungeeignet, darum gehts mir persönlich nicht. Sie müssen mir gefallen und halbwegs bezahlbar sein.

  2. Jürgen Simonis sagt:

    Ja das waren noch Zeiten, als der Juwelier unseres Vertrauens immer und ohne zu fragen „10% bei Barzahlung“ abgezogen hat. Damit der Betrag dann „glatt“ war, wurde noch großzügig abgerundet, was am Ende dann knapp 15% Abschlag ergab. So tief im Innersten hat man sich gefragt, was denn in einem Juweliergeschäft die Alternative zur „Barzahlung“ sein könnte und wie oft sie von anderen Kunden genutzt wird.
    Abstottern in monatlich vorbeizubringenden Raten? Tauschen? Abarbeiten?
    Ich denke, da war die Welt eben einfach noch in Ordnung, besonders für Rx Konzessionäre. Das Internet gab es noch nicht und die ersten Strandkonzis verkauften in Caorle und Rimini ausschließlich „Omega, Papa!“
    Der Konzi gab die eingepreisten Prozente weiter, der Kunde freute sich über den „Rabatt“ und beide Seiten waren zufrieden und mussten nicht verhandeln oder feilschen wie auf dem Souk in Marrakech. So einfach waren die Regeln.
    Der gesunde Menschenverstand war eben noch Gemeingut, und jedermann kannte einen wesentlichen Grundsatz der Marktwirtschaft: There ain’t no such thing as a free lunch.
    Schade drum.

  3. Herr Strohm sagt:

    Axel:
    Kommentar: Hallo Herr Strohm,

    ich habe da eine unglaubliche oder wie Sie sagen, krasse Story zur Preisvorstellung für eine Tudor Black Bay von Bucherer „Blue Edition“, UVP 3.730 €. Zum Hintergrund: Die Uhr wurde von „Privat“ für 50.000 € (in Worten: fünfzigtausend!!!), aber immerhin mit dem Zusatz „Verhandlungsbasis“ auf einer Internet-Verkaufsplattform angeboten. Ich habe den Verkäufer angeschrieben und gefragt, ob er sich um eine Null vertan hat. Die Antwort war wie folgt:

    „Sehr geehrter Herr xxx,
    vielen Dank für Ihre Anfrage.
    Was haben Sie sich als Preis vorgestellt?
    Bei 5.000 Euro liegt die Uhr schon seit 3 Wochen nicht mehr, eine wurde bei der Ebay Auktion für 6.500 verkauft. Ebay Kleinanzeigen bei München ruft 8.500,- Euro auf.
    In London wechselte eine für 12.500 Pfund Sterling den Besitzer.
    Ich kenne kein Model das derzeit wirklich verkäuflich ist, ausser meine 5B. Für die Uhr gibt es nur eine Richtung.
    Kennen Sie die Panerai Bronzo (1. Serie, Auflage 1000x) der empf. VK war um die 8000 Euro, heute erzielt diese 40.000 Euro plus, da sind nur einige Jahre ins Land gegangen. 2. Serie liegt bei 28k . Im Herbst kommt die 3, Serie, Sie können sich vorstellen wo diese im Benchmarking liegen wird.
    Zurück zur 5B, Auflage ist nicht mehr als 130x
    Es gibt keine weitere Auflage.
    50K ist sicherlich ein strammer Preis, aber nicht unrealistisch oder unerreichbar. Es bedarf nur einen Kunden , der sie unbedingt haben muss und schon ist das Ungedachte Realität geworden und so plötzlich gar nicht mehr unglaublich verrückt.
    Im Tresor und dann in 10 oder 15 Jahren bei Christies, Sotheby oder Philips…ist eine andere Option, da ist dann der Kundenkreis dezidiert ein anderer, wo der Preis zweitrangig ist und auch 100.000 für NOS Zustand machbar ist.
    Ich bin Sammler, die Bao Dai Rolex hat vor 15 Jahren 250k USD und vor 10 Wochen +5m USD gekostet. Fairerweise bin ich kein vietnamesischer Kaiser, aber das Beispiel verdeutlicht das Uhren in geringer Auflage Anlageobjekte sind und die Bucherer Bronze gehört definitiv mit dazu.

    Ich wünsche Ihnen noch ein angenehmes Wochenende.
    VLG,

    Ich habe bei der Preisvorstellung dankend abgelehnt und beim (Bucherer-)Händler meines Vertrauens gekauft, zum „Listenpreis“ und ohne jeglichen Rabatt. Über die „Ersparnis“ von rund 46.000 € hab ich mich sehr gefreut 🙂

  4. Herr Strohm sagt:

    Harald Buch:

    Kommentar: Ob es die größte Diskrepanz ist kann ich nicht beurteilen.
    Aber sicher sind es die am häufigsten wiederholten Diskrepanzen:
    Die UVP der bonmercato-Marken wie PortaS, Delorean & Co. bei 1-2-3.tv.
    Wie oft werden da unglaubliche UVPs bzw Marktpreise anhand Bilder von ominösen Internet-Shops gezeigt um dann die phantastischen rabattierten Preise zu beschreien („unter EK“, Marketing-Rabatte, etc). Da kostet dann eine Uhr angeblich UVP 3000€, wird dann für wahnsinnige 450€ angeboten – und kostet bei Aliexpress eigentlich nur 150€.

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