„Alles eine Frage des Preises…“

Oder: Der Preis einer Rolex ist so hoch, weil sie so teuer ist.

Mit diesem Satz werde ich es wohl wieder bei einigen geschafft haben, dass sie mich für ein wenig „anders als andere Kinder“ erachten. Gut so. Denn sonst würde ich als Händler nicht einen Artikel über Uhrenpreise schreiben. Noch einmal: Uhrenpreise!

Für eine Audemars Piguet bezahlt man vieles, nur nicht den Listenpreis.

Ich rede im Folgenden nicht über den Wert oder die Wertigkeit einer Uhr. Auch hat das Thema nur am Rande mit den Produktionskosten eines hochwertigen Zeitmessers zu tun. Ich beschränke mich (hoffentlich, denn ich bin nicht der Typ, der abschweift, vor allem nicht in meinen Blogbeiträgen, die ich…) wirklich auf die reinen Zahlen, die  für eine Uhr meist auf dem Gebrauchtmarkt aufgerufen, und manchmal sogar bezahlt werden. Wie entstehen solche Preise für Patek Philippe, Rolex oder AP? Aber auch für Montblanc, Maurice Lacroix oder Ebel – am anderen Ende der Fahnenstange?

Eine Uhr ist eine Uhr ist eine Uhr.

Dem stimme ich bei 90% aller Marken und Modelle zu. Sie sind Zeitanzeiger, Messinstrument, manchmal auch ein modisches Schmuckstück. Diese Uhren gehen – wenn nicht gerade Rabattaktion ist – zum Listenpreis über die Ladentheke, auch der virtuellen. Über diese Uhren rede ich aber nicht. Ich meine die Marken und Modelle, bei denen der Preis, den der Endkunde bezahlt eklatant vom Listenpreis abweicht, teilweise um ein Mehrfaches. Spätestens dann merken Sie, dass aus dem Zeitmesser etwas ganz anderes geworden ist:

Ein Prestige-, Lust-, und Spekulationsobjekt. Und alle drei sind die größten Feinde von Hirn und Portemonnaie.

„Kaufen Sie auch Rolex an?“

Ein kurzer Exkurs in die Welt meines kleinen Online-Uhrenshops. Wissen Sie, wie Sie mir so richtig den Tag versauen können? In dem Sie mich anrufen und mir eine Submariner oder eine Pepsi zum Kauf anbieten. Damit wir uns nicht missverstehen: Ich trage und verkaufe Rolex liebend gerne, wobei das Tragen das Verkaufen in der Häufigkeit um Längen schlägt. Frisch ans Telefon:

Mein Anrufer: „Kaufen Sie auch Rolex an?“

Meine Antwort: „Alles eine Frage des Preises…“

Meine Gedanken: „Jetzt wird’s bitter!“

Dann werden mir ältere Submariner angeboten, mit aber meist ohne Papiere in „super Zustand und garantiert echt“. Da ja „keine Revi notwendig“ ist, muss (besser: darf) ich auch nur knapp 8.000,- dafür zahlen. Natürlich mit dem Hinweis, man hätte dem Verkäufer schon mal „fast 10k“ geboten und: bei chrono24 stehen noch teurere drin. Touché!

Mit derselben Logik müsste ich mir jetzt ein Kehrblech kaufen, weil in China ein Sack Reis umfällt. Doch irgendwoher muss es ja kommen, dass Anrufer vollkommen ernsthaft solche Preise aufrufen.

Die selbsterfüllende Prophezeiung.

Sobald sich heranwachsende Jungs für Autos interessieren, kennen sie alle Listenpreise von Porsche, Ferrari und AMG. Das heißt aber nicht, dass sie sich mit achtzehn ein solches Geschoss leisten oder kaufen können. Ähnlich ist es bei Rolex und Co. Es scheint zum Aufnahmeritual aller Uhrenforen zu gehören, dass man zu den begehrtesten Marken jeweils zwei Preise herunterbeten kann.

Den Listenpreis: Völlig uninteressant, da eine solche Uhr im Erstverkauf nie „nach Liste“ verkauft, sondern von den Händlern an handverlesene Kunden „verteilt“ wird.

Der höchsten Preis bei chrono24: Gaaaaanz wichtig, denn wenn ich eine solche Uhr hätte, dann würde ich diesen Preis erzielen. Hätte, hätte, Submariner.

Welche Wirkung hat diese Tatsache nun auf viele Kronen-Besitzer (es gibt sogar sehr viele, denn schließlich ist Rolex der Massenhersteller im Luxusuhrensegment schlechthin)?

Ein Beispiel: Der Besitzer, ich nenne ihn mal Kurt, hofft einen Horst (aka Kunde) zu finden, der ihm möglichst viel Geld für seine gebrauchte Luxusuhr bezahlt. Preisreferenz ist hierbei chrono24, die Online-Bibel aller Uhrenbekloppten.

Das untere und mittlere Preisangebot wird geflissentlich ignoriert, der höchste Preis liegt – Stand heute, November 2019 – bei 13.980,- Euro (!!!) für eine NOS (new old stock) Submariner 16610.

Mit und ohne Datum hochspekulativ: Submariner in der fünfstelligen Referenz.

Na ja, denkt sich Kurt, der teuerste muss ich ja nicht sein, und orientiert sich etwas darunter. So bleibt ihm das ultimative Argument „Es gibt noch teurere“ als As im Ärmel. Für um die 10k sind schon etliche zu finden, alle in besserem Zustand als Kurtis Eisen, aber solche Kleinigkeiten lässt unser Cleverle außen vor. 10.000,- Euro müssen laut chrono24 also drin sein. Noch etwas Verhandlungsspielraum einrechnen und dann für 11.500,- einstellen. Logisch, oder? Denn alle anderen prophezeien ja auch, dass die Uhr soviel bringt.

Heute will Kurt I 10k und fordert 11.5k. Morgen richtet sich Kurt II nach den 11.5k und fordert 11.9k. Übermorgen kommt Kurt III mit 12.3k um die Ecke…

Ähnlich wie beim Aktienmarkt können wir hier von der selbsterfüllenden Prophezeiung sprechen, denn auch bei den Wertpapieren werden Preise rein manipulativ und spekulativ geformt. Rät uns der Börsenguru zum Kauf einer auf jeden Fall steigenden Aktie, dann wird sie auf Grund dieses Ratschlags (und der zahlreichen Ankäufe) auf jeden Fall steigen.

Der Markt bestimmt die Preise?

Dieser „Markt“ ist aber keine anonyme Masse, dem wir getrost die Schuld in die Schuhe schieben können. Der Markt sind wir alle: Sammler, Spekulanten und natürlich auch Händler. Und so blöd es sich anhört resultiert daraus:

Nicht der Hersteller bestimmt den Preis, sondern der Kunde.

Und dieser Kunde ist überhaupt nicht an fallenden oder niedrigen Preisen interessiert. Er will möglichst viel bezahlen, denn das ist der „Beweis“, dass vielleicht ein anderen Kunde später für seine Uhr noch viel  mehr bezahlt. Aus dem Sammler wurde ein Spekulant. Spekulanten lieben den Gewinn und nicht die Uhr. Sie ist nur Mittel zum Zweck. Wie Kunst, Rotwein oder Oldtimer.

Bei den meisten Herstellern rechnet man mit dem Faktor 4-5 vom Herstellungspreis zum Verkaufspreis im Laden. Bei einem begehrten Uhrenmodell mit einem LP von 10k lässt sich sehr leicht errechnen, dass der Spekulant im Wiederverkauf ein Mehrfaches von dem des Herstellers verdient.

Der momentan wirklich heiße Scheiß. (Foto: Rolex)

Das gravierendste Beispiel zur Zeit: Die neue Rolex GMT Master II am Jubilee in Stahl.

Listenpreis („Liste, Liste, what the fuck is Liste?“) ist 8.400,-

Angebote Online-HÄNDLER (!): bis zu 18.000,-

Angebote von PRIVAT im Netz: bis zu 22.000,- Euro

Und ja, diese Preise werden bezahlt – mit Stolz und mit links. Der Hersteller verdient in diesem Beispiel 2-3.000,- Euro. Der Händler bis zu 14.000,- und der spekulative Erstbesitzer in ähnlichen Regionen. Anders ausgedrückt: Der „dumme“ Zweitkäufer, der bei einem Händler 16-18k für die Uhr bezahlt, hofft auf einen „noch Dümmeren“, der ihm wiederum 22k überweist.

Das bezahlt doch niemand!

Diese Überschrift ist jetzt missverständlich, denn sie bezieht sich nicht auf den vorangegangenen Absatz. Die Preise für Rolex, AP oder Patek werden natürlich bezahlt. Die (Listen)Preise, die niemand bezahlt, beziehen sich auf die weiter oben bereits genannten Marken wie Montblanc, Maurice Lacroix oder Ebel – um nur einige zu nennen.

Unterschätze Schätze: die Modelle aus dem Hause Montblanc

Hersteller wie diese haben das genau umgekehrte Problem. Um in der Autowelt zu bleiben: Niemand bezahlt für einen noch so voll ausgestatteten und technisch perfekten Peugeot oder Ford auch nur annähernd den Listenpreis – vom Verramschen bei den Gebrauchten ganz zu schweigen. Die Preisentwicklung dieser Uhrenmarken ist spiegelverkehrt zu des Spekulanten Lieblingen.

Liste 5k / Rabattaktion 3.5k / nehm‘ ich für max. 2.8k.

Ich möchte es noch einmal wiederholen: das alles ist völlig losgelöst von Qualität oder uhrmacherischer Kunst. Es ist eine Mischung aus falschem Marketing (Rabatt-Aktion), Unwissenheit des potenziellen Kunden („kenn ich nicht“) und manipulativem Mainstream im Netz ( „kannste nur Geld verbrennen!“).

Jetzt habe ich lang und breit beschrieben, wie Preise von uns allen gemacht werden und sich immer mehr vom Wert des Objektes entfernen. Bleibt nur die Frage: Wie kann ich dem entgegenwirken? Dazu meine Vorschläge:

Fragen Sie sich, ob Sie eine Uhr oder ein Spekulationsobjekt möchten. Der Rest ergibt sich von selbst.

Machen Sie sich schlau. Nicht nur im Preisvergleich, sondern auch in Sachen Qualität, Technik und Wertigkeit. Eine Verdopplung des Preises macht eine Uhr nicht wertvoller, sondern nur teurer. Es ist immer gut zu wissen, über was man redet, was man kauft und was man trägt.

Suchen Sie nach Alternativen. Etwas Gutes wird nicht besser, wenn der Preis steigt. Etwas Gutes wird aber auch nicht schlechter, wenn er fällt. Es gibt hochqualitative und trotzdem völlig unterschätze Marken und Modelle. Gerade dort können Sie auf dem zweiten Markt viel Uhr für wenig Geld bekommen – und beweisen ganz nebenbei, dass Sie nicht mit der Masse schwimmen müssen.

Und zum Schluss denken Sie ab und zu an meinen Lieblingsspruch: Gier frisst Hirn!

12 Comments

  1. se@sylvio-eisl.de sagt:

    Sehr gute Analyse. Ich denke, ein wichtiger Punkt fehlt allerdings: Durch die mittelfristig negative Zinsentwicklung der EZB wird diese „Blase“ natürlich noch zusätzlich befeuert, weil so viel Geld im Markt ist… und was kann man außer Immobilien, Aktien und Gold sonst noch kaufen, was einigermaßen
    werthaltig ist:
    UHREN der 3: Rolex, AP und Patek! Deshalb wird diese Rallye weitergehen…..

  2. Andrej sagt:

    Danke für die Interessante Artikel! Nur zu Info, ich warte seit 6 Monaten bei Wiener Juvelier auf meine Submarine, was angeblich von Rolex so streng Lieferung kontrollieren wird🙄Was sagen sie dazu?;)

  3. Meyer sagt:

    Welche Marken halten Sie denn für unterschätzt?

    • Herr Strohm sagt:

      Ein paar habe ich ja schon im Artikel genannt. Aber auch Baume & Mercier, Bucherer, Cartier und viele kleine deutsche Manufakturen, weil sie zwar die Qualität, aber nicht den Namen haben…

      • Jupp Schmitz sagt:

        Sehr einverstanden! Habe gerade meinem Sohn zum Eintritt in das Arbeitsleben (täglich. Anzugträger) eine Dresswatch von B&M geschenkt. Für rd. 2K bekommt man tolle Uhren!

  4. Aribert Weinreich sagt:

    Genauso ist es. Ich denke da an PP Nautilus in Stahl, mit Monsphase oder Rolex Daytona in Stahl.
    Da gehen die Preise durch die Decke.
    Ich habe mir als Pedant eine Raymond Weil Parsifal Stahl/Gold Datum zwischen der 4 und 5 und eine Maurice L. Aiko gekauft. Wie beschrieben viel Uhr für wenig Geld.

  5. Martin sagt:

    Na na na, Gier frisst Hirn!?
    Das wird gerade die Klientel, die sich mühselig von Omega über Rolex zu Patek hochgehangelt hat und jetzt durch den Mietpreisdeckel in manchen Kommunen quasi vor Enteignung und Obdachlosigkeit steht nicht Lindnern.
    Gesundheit!
    Danke für den Blog!

  6. Danke für diese weisen Worte!

  7. funontrack sagt:

    Aber sowas von richtig…., hab mir das vor kurzem selber mit ähnlichem Resultat bei der LV durchgespielt…

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