Bye-Bye Baselworld – Wenn der Händler stirbt und der Kunde stört.


Und Tschüss – Nick Hayek hat genug von der Baselworld Foto: Sandra Adizzone

Die SWATCH-Group spielte in der Schweizer Uhrenindustrie schon immer eine entscheidende Rolle. Einst als Retter, jetzt vielleicht als Totengräber der weltgrößten Uhren- und Luxusmessen. Nick Hayek, Gruppenchef und Gründersohn verkündete dieser Tage den Auszug seiner 18 Uhrenmarken aus den bis dahin so heiligen Hallen in Basel. Seine Begründung war einerseits finanzargumentiert – immerhin lasse man sich jährlich die Schau der Superlative an die 50 Millionen Schweizer Franken kosten. Aber auch einen leicht beleidigten Unterton glaubte ich zu hören, wenn Herr Hayek von mangelnder Einbindung und gänzlich fehlenden Konzepten zur Reanimation der seit Jahren kränkelnden Messe redete. Auf die geschäftigen Uhrenzuteiler und hübschen Messe-Hostessen von Omega, Longines, Breguet und Co. müsse Basel ab 2019 jedenfalls verzichten. Das System „Messe“ habe sich in dieser schnelllebigen Zeit überholt.

Da er nicht der erste und bestimmt nicht der einzige Kritiker (und Abgänger) ist, ein Blick auf die bisherige Baselworld:
Immer zum Ende des ersten Jahresquartals feiert sich die Luxusbranche im Dreiländereck Schweiz, Frankreich, Deutschland selbst. Eine sich im letzten Jahr halbierte Schar von Ausstellern lädt eine ständig schrumpfende Zahl von Händlern und Konzessionären nebst vor Langeweile gähnenden (da schon im Vorfeld mit Text und Bildern versorgten) Pressevertretern an noch weniger Tagen zum… ja zu was denn eigentlich?

Als das Internet noch Zukunftsmusik und damit der Onlinehandel nicht einmal „Teufelszeug“, sondern einfach nicht existent war, da lebte die Messe als Treffpunkt von Herstellern und Händlern, Kontakt- und Netzwerkknüpferei. Aus aller Welt kamen sie, die neusten Modelle zu befingern und sie dann (nebst Ladenhütern) ordern zu dürfen. Sterneköche empfingen die Luxushungrigen im hinteren oder oberen Bereich der dreistöckigen „Messestände“, die jedes Jahr in Rekordzeit aus dem Hallenboden gestampft wurden.
Die Nobelhotels für das obere Management waren auf Jahre mit 300% Messezuschlag gebucht, während sich Besucher und Standpersonal im Umkreis von 50 Kilometern eine einfache Herberge – natürlich ebenfalls mit 300% Messezuschlag – teilen mussten. Da war die Welt und der chinesische Markt noch in Ordnung, die Uhren und die Zukunft noch golden, mindestens bicolor.

Basel 2018 – man war ziemlich unter sich.

Man war unter sich, eine Händlermesse eben. Durchsetzt lediglich von ein paar „Supercustomers“, die mit VIP-Karten ausgestattet und mit der haus- oder markeneigenen Nobelkarossen-Flotte vom Jet zum Set chauffiert wurden. Nicht zu vergessen die Medienvertreter, gut hofiert und informiert, entertaint und verköstigt – wie gesagt: man feierte (mit) sich selbst.
Nur einer war bei dem Fest nicht eingeladen: der Kunde. Warum auch? Das Prinzip „Hersteller verteilt an Händler – Händler verteilt an Kunden“ wurde noch nicht von „Grauen“ und „Online-Shops“ gestört, die Nahrungskette funktionierte. Und verirrte sich wirklich mal Otto Normalbesucher bei über 50,- Euro Eintritt und 40,- Euro Parkgebühr in die Hallen, so wurde er durch das Drin-Draußen-System eingebremst: Nur draußen (vor dem Stand) gucken – nix drin (im Stand) anfassen. Spannend, oder? Da kommt man gerne wieder!

Ein schöner Nebeneffekt für die Hersteller: Man muss sich nur mit Geschmack und Meinung von Abhängigen (Konzessionär, Medien) auseinandersetzen, der Kunde ist schließlich nur Warenempfänger – und das oft erst nach jahrelanger Wartezeit. So sieht Luxus-Service aus.
Doch leider dreht sich die Welt weiter. Auch in der Schweiz. Der jetzt gern gesehene und gut zahlende Endverbraucher bringt Geld in die Tageskasse, unabhängige Onlinemedien und Blogger bringen unbequeme Fragen und eigene Sichtweisen aufs Vorlage-Tablett. Und mit welchen frischen Ideen kontert der neue Chef der Messegesellschaft? Michael Loris-Melikoff, erst seit 1.Juli im stressigen Amt, verbreitet per eiligst geschusterter Pressemitteilung:
„Das Geschehen wird auf die Halle 1 fokussiert. In der 1.0 Süd, die letztes Jahr nicht bespielt wurde, werden die Highlights aus Les Atéliers präsentiert, das Beste unabhängiger Uhrmacherkunst. In der Halle 1.1 entsteht mit „The Loop“ ein Areal, das eine Ausstellung zur Kunst der Uhrmacherei („Métiers des Horlogers“) vorhält. Ausstellern und Besuchern wird ein vielfältiges Cateringangebot von Take Away bis zur exklusiven 3-Sterne-Gastronomie angeboten. Die Gastronomieflächen rücken dabei von der Peripherie ins Zentrum des Geschehens.“
Der Saarländer sagt dazu: „Hauptsach gudd gess!“ Ach ja, die Hotelpreise sollen auch fallen. Sie machen es dann dem Börsenkurs der Messegesellschaft nach, der unter den Immobilienwert gerutscht ist.

Noch schweigt Jean-Claude Biver …

Ich frage mich, wann sich eigentlich die anderen Branchengrößen zu Wort melden, sei es in Form der Konzerne und Marken oder persönlich, in der Gestalt von Jean-Claude Biver, der als Lautsprecher von Hublot/TAG Heuer/Zenith nicht unerheblichen Einfluss auf die gesamte Branche und Stimmungslage hat. Sein bedingungsloses Ja zur Baselworld vor der diesjährigen Messe wandelte sich nach der Veranstaltung in ein kritisches Vielleicht. Grämt es ihn, dass der Hayek Nick ganz laut „Erster!“ gerufen und damit Bivers bisherige Rolle als Meinungsmacher übernommen hat? Er weiß wie alle Verantwortlichen der großen Hersteller, dass die nächste Absage das endgültige Aus der Messe, vielleicht schon für 2019 bedeutet.

Mich beschleicht das Gefühlt, dass gerade die Großen zwar rührende Trauerreden halten, aber im Stillen nur wenige Tränen vergießen würden. Eröffnen Sie doch fast täglich eigene Konsumtempel in Form von Flagship- oder Multibrand-Stores. Flächen für exklusive „Hausmessen“ dürften bei Richemont und LVMH leicht zu finden sein, alternative Spielwiesen hat man mit SIHH oder Munichtime schon seit Längerem gefunden. Anders geht es den kleinen Marken, die in Basel an einem Punkt und innerhalb weniger Tage Kontakt, Verkauf und Akquise konzentrieren – wenn sie es sich leisten wollen und können.

Hat die Baselworld einfach nur das falsche Konzept? Ist die Kritik von Hayeck und Kollegen berechtigt? Ist immer die Messe schuld?

Gerade im letzten Punkt müssen sich die Uhrenbauer an Ihre eigene Nase fassen, denn sie sind es, die einer Händlermesse die natürliche Nahrungsgrundlage entziehen: Die Händler. Wer Glück und Marge im eigenen Internet-Shop sucht, der muss sich halt nur noch mit seinen IT-lern und nicht seinen Händlern zusammenfinden. Wer den Vertriebsweg „Konzessionär“ gegen internationale Online-Plattformen wie Chronext oder Montredo austauscht, der braucht seinen Chefverkäufer nur noch nach Köln oder Berlin zu schicken, nicht mehr nach Basel. Mehr dazu in diesem Artikel.

Nicht zum ersten Mal produziert die Uhrenindustrie ihre Opfer selbst, begleitet von dem Hinweis, dass sie ja selbst schuld seien. Wie die Dinosaurier – zu groß, zu unbeweglich, kein Konzept. Und wieder einmal bleibt einer außen vor: der Kunde. Puh…Glück gehabt!

Fragt sich nur, wie lange der sich das noch gefallen lässt…?

3 Comments

  1. Basel Fan sagt:

    Sehr schade, ich war auch immer gerne in Basel. Hatte dort ein super Hotel gegenüber der Messe Basel und das hat diese Veranstaltung auch so attraktiv gemacht. Man war gleich in der Innenstadt, aber naja, was nicht sein soll, soll nicht sein.

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  2. Mark sagt:

    Irgendwann werden die Dinosaurier wissen wer der König ist. Der Kunde….

    Wenn dann der Onlinehandel eröffnet ist, bleibt zu hoffen, dass bei der Preisdrückerei wenigstens nicht an der Qualität gespart wird. Mal schauen wie die Dinos weiterhin versuchen werden die Preise hochzuhalten. Es bleibt spannend…

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  3. Thomas Barnick sagt:

    Hallo Strohm,

    auf Ihre charmante Art wieder einmal auf den Punkt gebracht!

    Der aktuelle Weg der Uhrenbranche gleicht der Entwicklung von NOKIA (dem ein oder anderen vielleicht noch bekannt… war einmal der am Höchsten börsennotierte Konzern der Welt) selbstverliebt, größenwahnsinnig, ohne Selbstkritik, kein Gespür für Veränderungen des Umfeld/Marktes und ohne das Interesse und Wohl der Kunden im Fokus zu haben.

    Und das Ganze in einer Zeit, wo die zukünftigen Käufer-Generationen gerade wieder mit Quarz- und Smartuhren überschüttet werden und den Wert einer fantastischen Handwerkskunst gar nicht mehr kennen und lieben lernen.

    Quo vadis verehrte Uhrenbranche?

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