Tudor „Small Block“ – wenn jüngere Schwestern erwachsen werden.


Ja, es gibt bei Tudor ein Leben vor der Black Bay, auch wenn das die jungen Uhrenfans unter uns in Erstaunen versetzen wird. Der Hype um die neuste und wohl erfolgreichste Tudor-Modellreihe hat die Vorgänger-Referenzen der Neunziger- und Nullerjahre zuerst in den Hintergrund gedrängt, dann aber im Zuge der Markenaufwertung wieder massiv ins Gedächtnis gerufen.
Was heute gut ist, kann doch auch vor zwanzig Jahren nicht schlecht gewesen sein? Auch wenn wir Tudor damals noch geflissentlich ignoriert haben – dieses preiswerte Irgendwas von Rolex.

Die vermeintlich wirklichen Kenner glänzten schon seit jeher auf den Uhrenstammtischen mit Weisheiten wie „Die Big Block ist nix anderes wie die Daytona, nur von Tudor – das weiß halt nicht jeder…!“ Nachsichtiges Lächeln in die Runde inklusive.
Ein erster, wenn auch noch nicht heilig gesprochener Gral ward gefunden: Die „Big Block“. Wie der Name (der nirgendwo auf der Uhr geschrieben steht – sie heißt mit Mädchennamen „Oysterdate“) schon erahnen lässt, für die damaligen Siebziger ziemlich viel Uhr für relativ wenig Geld und eine (noch) verkannte Alternative zum Ladenhüter „Daytona“.

Die Tudor Big Block – hier eine 79180 in weiß – gilt als eine der begehrtesten, bezahlbaren Vintage-Modelle

Die Eckdaten: Kantige 40 Millimeter mit Plexi, angetrieben von einem automatischen ETA 7750, seit 1976 (Ref. 9430/0) auf dem Markt, wurden die Referenzen ab 1989 fünfstellig. Die Ref. 79160 (schwarze Tachylünette), 79170 (drehbare schwarze Lünette mit Markierungen von 1-12) und die Ref. 79180 (Tachylünette in Stahl poliert). Nur erwähnt, weil uns die Zahlenlogik der Referenzen gleich wieder begegnet. Wir merken uns also: Alles was mit 791.. beginnt, geht seit 2-3 Jahren preislich durch die Decke.
Für ein komplettes Set in sehr gutem Zustand werden teilweise Preise von weit über 7.000,- Euro aufgerufen – und gezahlt.

Die Prince Oysterdate – zwischen Big und Small

Wer das nicht investieren wollte, griff in den letzten Jahren zum Nachfolgemodell „Small Block“. Anfangs (Mitte der Neunziger) wurden diese „Prince“-Modelle noch mit „Oysterdate“, später dann mit „Prince Date“ bedruckt. Witzigerweise war erst dieses Gehäuse wirklich mit dem der Daytona vergleichbar, runder, flacher und mit mehr Tragekomfort. Trotzdem erst einmal als „Hat halt nicht für `ne Big Block gereicht“-Version abgetan und preiswert gehandelt.
Das hat sich gerade in den letzten 2-3 Jahren grundlegend geändert. Warum? Es steht Tudor drauf, der Name, den jetzt auch die U40 Generation kennt. Und man kann die frühen Modelle mit Recht als Fast-Vintage bezeichnen. Den Charme bringen sie jedenfalls gut rüber.

So mag ich sie am liebsten – an handgefertigtem Alligatorband – maßgeschneidert von Mays-Berlin

Zu den Zahlen: Die Referenzen beginnen jetzt mit 792.. die Lünettenvariationen lehnen sich an die Big Block an. Im Inneren schlägt weiterhin das gute alte 7750, nur das Glas ist ins Mineralische mutiert. Ist die „Big“ noch auf Deckel, Schließe und Krone als Rolex erkennbar (am Krönchen) so hat „Small“ – ausgenommen die Oysterdate – bereits die Insignien von Tudor übernommen. Die Übergänge sind fließend und manchmal habe ich persönlich den Eindruck, dass in den wilden Neunzigern so ziemlich alles an Teilen verbaut wurde, was im Regal rumlag. Die Folge sind unzählige Modellvarianten und Zifferblattkombinationen, die alleine einen Sammler in die Armut treiben können. Für den asiatischen Markt wurde es recht bunt getrieben. Mal wurden die Hörner poliert, mal die Bänder ab Werk gegen Leder getauscht. Und ja, bei diesen beiden blauen handelt es sich um verschiedene Uhren.

An dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben darf die Ausnahme von der Wertsteigerungs-Regel. Die Prince Date „Tiger“ entstand aus einer Werbe-Kooperation mit Tiger Woods. Gefühlt unendlich viele Uhren, die durch den Zifferblatt-Aufdruck „Tiger“ mal locker einen Tausender preiswerter sind. So kann ein Name auch mal in die Hose gehen – und wer weiß das besser als der Herr Golfer.

Hier mal eine kleine Kollektion an wunderbaren Small Blocks. Mich fasziniert vor allem die Variabilität. Kombiniert mit verschiedenen Bändern, können Sie jeden Tag eine völlig andere Uhr tragen.

Die Oysterdates unter den Small Blocks erreichen zwischenzeitlich Preise jenseits der Fünftausender. Die Prince Date Modelle schaffen es in vollem Set und sehr gutem Zustand schon mal ins 3.5k-Basislager. Und warum? Weil sie es meiner Meinung nach Wert sind. Ein guter Name, ein stabiles Werk und schon so viel Retro-Optik, dass sie zum Klassiker taugen. Dazu kommt, dass sie unter Sammlern ganz klar das Signal aussenden: „Ich habe Ahnung, will nicht angeben – und trotzdem noch eine Rolex im Tresor.“

P.S. Bevor ich sie vergesse – mein absoluter Liebling, weil so selten und ungewöhnlich: eine Referenz 79263. Wie bei Rolex zeigt die Zahl „3“ an letzter Stelle, dass es sich hier um die Stahl/Gold-Variante handelt. Verfeinert mit einem von mir ausgesuchten Nubuk-Band an originaler Faltschließe.

6 Comments

  1. Harry sagt:

    Gerade deinen tollen Blog über den „Small Block“ gefunden 😉
    Alles toll beschrieben und super zusammengefasst !
    Bin gerade auf der Suche nach einer Lünette der 79260.
    Als Liebhaber der Panda Blätter besitze ich eine 79280 Oyster mit silbernen Blatt und schwarzen Tots, aber mit schwarzer Lünette würde sie mir noch mehr gefallen.
    Also falls du oder einer der Mitleser hier was hat bitte um Info!

    Gruß Harry

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  2. Mirco Deuble sagt:

    Bernhard, einmal mehr ein super Artikel. Kompetent und mit der nötigen Leidenschaft.
    Als Besitzer einer 79260 in blau, hier gezeigt am Racing Leder, kann ich die Variabilität nur Bestätigen. Sieht am edlen Leder genau so gut aus wie jetzt im Sommer am farbigen Nato. Hinzufügen kann ich den Tragekomfort der Small Block. Ich besitze verschiedene Uhren, aber die Small Block findet immer wieder den Weg ans Handgelenk und ist eigentlich schon mein Daily Rocker geworden. Warum, weil sie sich gut trägt, variabel und „zeitlos“ sportlich daherkommt und nicht zuletzt das entsprechende Flair von Understatement hat. Meinerseits eine klare Empfehlung (und nein, ich wurde von Herrn Strohm nicht für diesen Beitrag bezahlt)..

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  3. Andreas Schmidt sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel, der die bereits seit langem schwelende Glut der Begierde auf eine Tudor in ein loderndes Feuer gewandelt hat. Interessant finde ich, dass ich schon vor vielen Jahren über Ihr Buch „Der Sau auf den Versen“ in schriftlichem Kontakt mit Ihnen stand und nunmehr eine weitere Passion mit Ihnen teile. Machen Sie weiter so!

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  4. Axel R. sagt:

    Sie haben es mit Ihrem Artikel mal wieder auf den Punkt gebracht – Gratulation! Meine persönliche Empfehlung: Big Block in den Tresor, Small Block ans Handgelenk! Mein Favorit: Small Block 79260P mit silbernen Zifferblatt und schwarzen Totalisatoren, polierten Hörnern und matt-schwarzen Lederarmband, z. B. von Mays – schaut edel aus und taugt zum Anzug und für die Freizeit.

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  5. Antje sagt:

    Super Bernhard
    Die 9430 Modelle hatten sogar noch eine Bakalit Lünette und das Rolex Stahlband der Sportmodelle.

    Gruß Antje

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