Uhrenbeweger –  Vom Sinn und Unsinn der Dauerläufer


Das Leben ist ein nicht endender Kreislauf. Vor allem für viel Automatikuhren, die nur selten den Weg ans Handgelenk des Besitzers finden. Zugegeben, manchmal ändert sich die Richtung, was am Schicksal ihres Einschlusses nicht wirklich etwas ändert.

In den Wochen vor Weihnachten haben Uhrenbeweger wieder verstärkt Auftritte in den Blättchen der überregionalen Discounter. Dort werden sie als DAS Weihnachtsgeschenk für jeden Uhrenfreund angepriesen. Perfektes Timing, denn die Dame des Hauses liest die Angebote und sucht für den Herrn des gleichen Hauses ein Weihnachtsgeschenk in der 25,-Euro-Klasse. Er ist technikaffin und besitzt ein paar Uhren – da ist doch so ein Drehding mit Stecker genau das Richtige.

Ich sage es geradeheraus: ich mag keine Uhrenbeweger, besitze ich doch den Besten aller möglichen: Mein Handgelenk. Ich sehe keinen Sinn darin, einen Rotator von 25,- bis 25.000,- Euro als Uhrenaufwahrer zu engagieren. Zumal gerade die preiswerten Beweger ihre Arbeit nicht lautlos verrichten. So manch genervte Ehefrau hat sie mit einem gezielten Handkantenschlag vom Nachttische des Gatten entfernt. Vor Kurzem sah ich einen Beweger jenseits der 10k-Grenze, der damit zu punkten versuchte, die Uhr hinter Glas sicher „vor Staub zu schützen“. Boahhh, nicht auszudenken, wenn mein Oyster-Taucher an Staubschaden zugrunde ginge.

Hat sich der Uhrenliebhaber-Einsteiger die erste hochwertige Automatik gegönnt, kommt fast reflexartig die Frage: „Brauche ich jetzt nicht auch einen Uhrenbeweger?“ Anscheinend für die endlosen Stunden, in denen die Uhr nicht getragen wird. Gegenfrage: Braucht Ihr PKW einen „Auto-Beweger“ während Sie vor dem Fernseher entspannen? Oder Ihre Mattscheibe einen „TV-Betrachter“, während Sie Kilometer schrubben? Braucht Ihre Frau… sorry…ich komme vom Thema ab.

Uhrenbeweger hat fast jeder zuhause…
Foto: blankman

Ich höre die Kreislauf-Nutzer schon rufen: „Aber dann muss ich die Uhr nicht neu stellen, wenn ich sie spontan tragen möchte.“ So weit so fraglich. Ich gebe Ihnen ein kleines Rechenbeispiel. Eine gute Automatik hat heute eine Gangreserve von ca. 48 Stunden. Sie läuft also nach Ablegen noch 2 ganze Tage weiter – ohne Uhrenbeweger. Verweilt die Uhr länger auf dem Rotor, sagen wir mal zwei Wochen, summiert sich vor allem die Gangabweichung. Selbst bei einem Chronometer sind wir da locker bei einer Minute plus oder minus. Bei einer einfachen Automatik wesentlich mehr. Bedeutet: Die Uhr muss auf jeden Fall gestellt werden. Wo ist dann der Mehraufwand, sie gleich mit ein paar Umdrehungen aufzuziehen?

Ein noch beliebteres (Ver)Kaufsargument: Ohne Bewegung würden Uhrwerke verkleben oder verharzen. Da wird sogar von Flugverrostung gesprochen – fehlt nur noch der Standplatte bei den Reifen. Als rein investigativer Journalist lasse ich mich natürlich nicht von meiner subjektiven Meinung leiten, sondern frage wirkliche Experten, wie es um die Gefahr des werkseitigen Totalschadens ohne Beweger gestellt ist.

Ina Walker, Uhrmachermeisterin aus Saarlouis sagt dazu:

So praktisch wie ein Uhrenbeweger einerseits ist, dass man seine Uhr nicht ständig aufs Neue komplett einstellen muss nach ein paar Tagen „Auszeit“, so kann er anderseits auch durch die ständige Bewegung des Uhrwerks einen erhöhten Verschleiß produzieren. Allerdings denkt ja beim Sonntagsausflug mit dem Oldtimer auch niemand an den möglichen Verschleiß des 40 Jahre alten V8-Motors, sondern man genießt das Erleben.

Patrick Mönnig, Uhrmachermeister und Geschäftsführer von „Blome-Uhren“ in Düsseldorf:

Mechanische Uhren nehmen keinen Schaden durch längere, trockene Lagerzeiten. Die Öle altern zwar etwas, aber weniger als unter Dauerlast. Ein „Verharzen“ gibt es nicht mehr, da es sich um synthetische Schmiermittel handelt. Durch Abrieb und Verflüchtigung verringert bzw. verschlechtert sich das Öl und sollte nach ca. 5-8 Jahren je nach Herstellerempfehlung getauscht (Revision) werden. Noch ein Tipp: Nach längerer Lagerdauer (ca. zwei Monate oder länger) sollte man die Ganggenauigkeit erst nach einigen Tagen des „Eintragens“ testen.

Und dann habe ich auch noch Ulrich Kriescher gefragt, ebenfalls Uhrmachermeister und auf die Revision von komplizierten Vintage-Uhren spezialisiert:

Es ist vollkommen egal, ob eine Uhr läuft oder nicht läuft, nach spätestens 5-6 Jahren sind die Lager trocken und eine Revision ist nötig. Ich sage meinen Kunden immer, ein Uhrenbeweger ist ein tolles Spielzeug, dass eigentlich nicht nötig ist.

In einem Punkt, dem großen Plus, sind sich allerdings die drei einig: Dem Einsatz eines guten Uhrenbewegers bei Komplikationen wie einem „Ewigen Kalender“. Denn ein solch komplexes Uhrwerk alle paar Tage neu und exakt einzustellen – dafür dürfen Sie dann schon mal eine halbe Stunde früher aufstehen.

Für solche Spezialeinsätze machen Uhrenbeweger durchaus Sinn. Darüber hinaus sind die wirklich anspruchsvollen und multiplen Beweger repräsentative Schmuck- und Einrichtungsstücke, deren Anschaffungspreis den Wert so mancher Sammlung übersteigt. Doch lassen Sie uns beim Thema Uhren nicht über Sinn oder Unsinn streiten…

4 Comments

  1. Olaf Albiez sagt:

    ………..Uhrenbewergerbashing scheint gerade im Trend zu liegen, egal, wo mal liest, Uhrenbeweger sind schier idiotisches Teufelswerk. Mit Blick auf die Argumentation von Frank Lintz, dem Komfortvorteil, haben die Uhrenbeweger vielleicht doch ein etwas wohlwollenderes, objektiviertes Urteil verdient, welches die Newbies in der Uhrenleidenschaft nicht gar so sehr von Beginn an abschreckt.

    Jaaaa, ich ahne, was jetzt kommt, Komfort und Aufwand liegen natürlich im Auge des Betrachters und dem „echten Uhrenfreund“ macht die Stellerei inkl. Datum NATÜRLICH nichts aus – spätestens ab der 21. Uhr wird es aber vielleicht doch etwas nervig, alle paar Tage oder gar jeden Tag im Wechsel stellen zu „dürfen“ und es tut gut, die guten Stücke ggf. mal auf einen Fortlaufgenerator spannen zu können………aber wahrscheinlich bin ich einfach nur zu faul und kein echter Uhrenfreund 😉

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  2. Frank Lintz sagt:

    Naja, ich denke, die Wahrheit liegt wie immer zwischen den Extremen. Ich nutze einen Uhrenbeweger, dieser steht aber nicht auf dem Nachttisch sondern im Arbeitszimmer, hat auch keinen fünfstelligen Betrag gekostet und ist trotzdem nicht made in China. Bei Dreizeigeruhren stimme ich Ihnen zu, die sind schnell gestellt. Da aber fast alle meiner Uhren auch eine Datumsanzeige haben, wird das jeweilige Neueinstellen schnell lästig: ein oder zwei Minuten Abweichung gehen schnell, jedesmal das Datum dazu und dann auch noch korrekt im 12 Stunden Zyklus ist mir zu umständlich.
    Am Ende entscheidet jeder über Sinn oder Unsinn. Für mich steht Komfort an erster Stelle, die Märchen vom Verharzen und Verschleiß jucken mich Dank regelmäßiger Revisionen eh nicht.

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  3. Stephan Schampaul sagt:

    Danke, das trifft’s auf den Punkt! Oder wie der Uhrmacher meines Vertrauens neulich meinte: „Da gibt’s Leute, die lassen ihre Uhren ständig laufen und glauben, sie tun ihnen damit was Gutes. Mir kann’s ja recht sein…“

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  4. Dr. Jürgen Simonis sagt:

    Ein Lob an Herrn Strohm für diesen Aufsatz. Es wurde alles Wesentliche gesagt. Unglaublich, wie lange sich solche urban myths, wie das „Verharzen“ von unbewegten Uhren, halten. So wie der sichere Tod durch Darmverschlingung, auf den ich als Kind immer gewartet habe, wenn ich nach dem Genuss von Kirschen etwas getrunken habe. Außer der von Herrn Strohm genannten Indikation der großen Komplikationen verwende ich einen Uhrenbeweger aber noch zu einem anderen Zweck: Um lange nicht getragene Automatik-Uhren vor dem Stellen aufzuziehen und mir das händische Aufziehen zu ersparen.Das ist natürlich auch irgenwo „Unsinn“, der aber allein meiner Faulheit und nicht irgendwelchen pseudowissenschaftlichen Thoerien geschuldet ist 😉

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