Die deutsche Neid-Kultu(h)r


Das Sprichwort lehrt uns, dass wir Mitleid geschenkt bekommen, wir uns Neid aber redlich erarbeiten müssen. Ich möchte ergänzend hinzufügen: Neid kann man auch kaufen, zum Beispiel in Form einer Luxusuhr.

Bereits nach dem ersten Absatz spaltet sich die Leserschaft in die Lager „Schwachsinn, ich trage doch keine Uhr um damit zu protzen“ und „Ja, sag uns genau, welcher Ticker den besten Preis-Neid-Faktor aufweisen kann“. Bereits nach dem ersten Absatz werden viele nur noch genau die Worte dieses Artikels aufnehmen, die exakt zur eigenen, subjektiven Seite der Medaille passen. Denn Neid ist eines der ganz großen und totgeschwiegenen Themen von uns Deutschen.

Warum muss ich eigentlich in einem Uhrenblog über die hässlichen Gefühle anderer rumpsychologieren? Antwort: Weil mir diese oft genug und schonungslos ins Gesicht geklatscht werden. Beispiele gefällig?

„Wirkliche Zeit kann man nicht messen, auch mit deinen Brillianten-Protzuhren nicht.“ „Ihr armen Schweine kennt doch nur Prollex und Co. Und wer sone Uhr sich nicht leisten kann zählt doch für euch als Mensch nicht!!!“

Ich lass die Kommentare mit den F-Wörtern mal raus, denn auch so wird deutlich: Neid ist überall. Halt – so einfach möchte ich es mir nun auch nicht machen. Also definieren wir erst einmal ein paar Begriffe:

Neid bezeichnet den Wunsch der neidenden Person, selbst über mindestens als gleichwertig empfundene Güter (materieller oder nichtmaterieller Art) wie die beneidete Person zu verfügen.

 Das an sich ist noch nicht einmal ein negatives Gefühl. Denn natürlich kann dieser Wunsch auch ein enormer Anreiz sein, mir irgendwann diese Güter auch anzueignen. Das berühmte Ziel, auf das ich hinarbeite. Der Ursprung des Wortes beweist genau diesen konstruktiven Ansatz, denn es kommt aus dem Altgermanischen „Nid“, was mit Anstrengung und Eifer übersetzt werden kann.

Oft genug bekomme ich Nachrichten, die beschreiben, dass sich ein/e Uhrenfreund/in nach einer besonderen schulischen oder beruflichen Leistung selbst belohnt – in Form seiner/ihrer Traumuhr. Das ist wirklich verdient. Die Uhr, nicht der Neid. Doch es gibt auch die hässliche Fratze des Neides:

Neid als Wunsch, dass die beneidete Person die Güter, um die sie beneidet wird, verliert (destruktiver Neid, auch Missgunst). Ersatzweise kann der Neidende auch den Wunsch nach anderem Schaden für die beneidete Person entwickeln.

Egal wie verdient ein Erfolg, eine Leistung oder das damit verbundene Geld ist – kommt Missgunst ins Spiel, hat jegliche Argumentation ein Ende. Die Uhr als solche wird Symbol für die Ungerechtigkeit, die dem Neider angeblich widerfahren ist. Dabei ist völlig belanglos, wie teuer die Uhr ist, oder ob deren Träger schuldig ist an der angeblichen Ungerechtigkeit.

„Du hast mehr als ich? Dann kannst du ja nur beschissen haben!“

Missgunst mag dumm sein, ist aber längst keine Wesensart vermeindlich „dummer“ Menschen. Es gibt ein wunderbares Experiment mit Absolventen einer Elite-Universität. Für ihren Jobeinstieg wurden zwei Szenarien aufgezeigt:

  • Sie selbst verdienen im ersten Jahr 100.000 Pfund und alle anderen Studenten nur 80.000 Pfund.
  • Sie selbst verdienen 120.000 Pfund, alle anderen aber 140.000,-.

Und siehe da, über 70% der Bildungselite hatte sich für Variante 1 entschieden, also der/die Bestverdienende zu sein, auch wenn das satte 20.000 Pfunde weniger auf dem Gehaltskonto ausmachte.

Nur in Deutschland gibt es meines Wissens nach den Begriff des „Besserverdienenden“. Und in unserem Land muss er kräftig herhalten für den politischen Keil, den man zwischen „arm“ und „reich“ treibt. Besserverdienende sollten die Steuerlast tragen, mehr Abgaben leisten, ihren Besserverdienst umverteilen. Wer genau nun besser verdient, das verrät uns niemand. Wer sind die, die besser verdienen als unsere Wirtschaftsführer und Politiker. Da wird die Luft ziemlich dünn.

Um den Neid von „Otto Normalverbraucher“ nicht noch zu füttern, sind die Wirtschafts- und Uhrenmagazine voll von „Uhren, mit denen Sie Understatement beweisen“. Wer jetzt auf eine Liste randvoll mit Longines, Tissot und Co. wartet, sieht sich enttäuscht. Das dort geforderte Tiefstapeln besteht aus dem Verzicht auf Gelbgold mit Brillanten – viel bescheidener wirkt dagegen Platin, kann es doch mit dem billigen Weißgold verwechselt werden. Understatement hatte noch nie etwas mit billig zu tun. Understatement muss man sich finanziell erst einmal leisten können!

In deutschen Wirtschaftsmagazinen achten die Vielvielbesserverdienenden peinlich darauf, dass das linke Handgelenk von der Hemdmanschette bedeckt wird. In mehr als einem Geschäftsbericht großer Dax-Unternehmen wurden Rolex und Co. Opfer von Retusche und Photoshop. Sie wollen bescheiden wirken, wenn sie es schon nicht sind.

Dieser Beschiss ist genauso ein Fake wie die umgekehrte Variante: Das Tragen gefälschter Uhren, um ein wenig Glanz der (echten) Marke abzubekommen.

Headhunter bläuen Berufseinsteigern ein, bei Vorstellungsgesprächen die zum Studienabschluss geschenkte Rolex zu Hause zu lassen. Der Neid des Personalchefs könnte den ersten Job beenden, bevor er angefangen hat. Genau in diesem Moment kommt mir der Werbespruch einer Nobel-Manufaktur in den Sinn: „Eine Patek Philippe gehört einem nie ganz alleine. Man erfreut sich ein Leben lang an ihr, aber eigentlich bewahrt man sie schon für die nächste Generation.“

Das bedeutet konkret:

  • In jeder Familie muss nur einmal eine PP gekauft werden, sie wird schließlich endlos vererbt.
  • Der Neid der anderen wird den Erben sicher sein, denn sie haben absolut nichts für den Besitz der Uhr getan.

Ob beides im Sinne des Erfinders ist?

Die schöne Werbewelt hat den Neid schon lange als Kaufkraftverstärker entdeckt. Sie erinnern sich an „Mein Haus, mein Auto, mein Boot!“? Schon vor 30 Jahren bewarb SIXT seinen Miet-Porsche mit dem Slogan „Neid und Missgunst für 99,- DM“. Dabei lässt sich Neid nicht festmachen an „teuren“ Uhren, denn der Psychologe weiß genau, dass die negativen Gefühle völlig unabhängig von Wert und Größe des Neidobjektes sind. Es eignet sich eine ICE Watch ebenso wie eine Submariner.

Bleiben wir noch einen Moment bei der eingangs erwähnten „Prollex“. Der Marke, die wie keine andere den Neid der Umwelt anzuziehen scheint. So habe ich von mehr als einem betuchten Uhrenfreund den Satz gehört: „Ich kann es mir nicht leisten, eine Rolex zu tragen.“ Und damit war nicht der Kontostand gemeint und auch nicht das Gelbgold-Ludenmodell mit Brillanten-Vollbesatz.

Meine persönlichen Erfahrungen sprechen selbst bei der doch so bekannten Marke mit der Krone eine ganz andere Sprache:

  • 99% der Menschen erkennen keine Rolex am Handgelenk ihres Gegenübers.
  • 99% der Menschen wissen nicht einmal annähernd, was eine Rolex kostet.
  • 99% der Menschen interessieren sich überhaupt nicht für das Handgelenk ihres Gegenübers.
  • Die verbleibenden 1% sind entweder genauso uhrenbekloppt wie wir oder gehen davon aus, dass Sie im letzten Jahr Ihren Urlaub in der Türkei verbracht haben.

Und noch eins: 100% der Neidhammel werden – sollten Sie ihretwegen auf das Tragen einer teuren Uhr verzichten – einen anderen Grund finden, auf Sie neidisch zu sein.

Wie also verhalten, in der ständigen Neid-Diskussion? Vor allem sollte sie nicht zur Diskreditierung derjenigen führen, die eine größere Teilhabe an den wirtschaftlichen Ressourcen unserer Gesellschaft fordern. Dass einiges schiefläuft und die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht ist unzweifelhaft. Dass es einen Unterschied gibt zwischen dem was sich einige leisten können und was sie verdienen wird niemand bezweifeln. Was also tun mit den teuren Uhren. Ich versuche nach dem einfachen Satz zu handeln:

Du bist was du trägst.

Uhr und Besitzer sollten zueinander passen. Wenn beides Blender sind – was soll’s. Wer keinen Wert auf eine hochpreisige Uhr legt – prima, ich kann auch nix mit teurem Whiskey anfangen.

Wenn aber mein persönlicher Luxus eine überdurchschnittlich teure Armbanduhr ist, dann werde ich sie tragen. Zu meiner Freude und ohne mich über- oder unterlegen zu fühlen.

Und wenn mir deshalb Neid entgegenschlägt, dann werde ich ihn wohl aushalten müssen.

8 Comments

  1. minimalismus sagt:

    Ich finde man sollte sich nicht mit anderen vergleichen. Man findet immer einen Grund, unzufrieden zu sein. Ob es nun an der deutschen Kultur liegt? Da bin ich mir nicht sicher.

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  2. Helmut sagt:

    Ich bin der Meinung, dass sich viele (die meisten?) Menschen durchaus eine „Luxusuhr“ im unteren/mittleren Preisbereich bis vlt. 5.000 € leisten können.
    Es ist doch eine Frage des Wollens und der Bewertung des Objekts in der persönlichen Wertehierarchie.
    Ein Familienurlaub, ein neus Auto, die neue Küche/Sofagarnitur… oder eben eine Omega Seamaster.

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  3. Frank sagt:

    Tja und hier in der (N)Eidgenossenschaft sass ich heute Abend mit meiner Speedy beim Italiener und am Nebentisch sass einer, auch mit ner Speedy. Nicht zum angeben, sondern weil man Freude an der tollen Uhr hat. In der Schweiz sieht man jeden Tag IWC, Omega, Rolex und Co. Manche brauchen sie als Statussymbol, aber die meisten – so behaupte ich – haben einfach Spass dran. (Ich trage auch genauso gern meine Sinn, die hier kaum einer kennt, aber einfach eine super Uhr ist.)

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  4. Jens sagt:

    Also ich muss ehrlich zugeben… wenn ich ne schicke Uhr am Handgelenk sehe werde ich schon mal neidisch wenn se mir gefällt aber deswegen gönne ich sie dem Träger trotzdem ich weiß ja was Sie (fast) kostet. War gerade auf einer Kreuzfahrt und dort gab es Hublot Uhren zu kaufen (sind nicht ganz mein Ding aber schön anzuschauen) und dort war ein Junger Hublot Vertreter mit an Board und beim rauchen hat man sich öfter gesehen und der Gute hatte jeden Tag ein anderes Hublot Geschoss am Handgelenk da hab ich schon mal neidisch geschaut. 🙂

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  5. H. Ratmann sagt:

    Ich werde hin und wieder gefragt, warum ich denn zwei Uhren trage.
    Meine Antwort:
    „weil ich nur zwei Arme habe“!

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  6. TYPO3 sagt:

    Ich lese regelmäßig Ihre Artikel und Sie haben es auf den Punkt gebracht. Ich denke auch, dass sich die wenigstens für die getragene Uhr ihres Gegenübers interessieren, geschweige sie erkennen bzw. finanziell einschätzen können. Die gesamte Neiddebatte trifft in Deutschland leider auch auf Autos zu, wobei es hier meines Erachtens noch schlimmer ist. Es grüßt Sie herzlichst B. Bock

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  7. Thomas sagt:

    „Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen“, der Spruch hat viel wahres.
    Soll doch jemand neidisch sein, damit kann ich prima leben.
    Hat sehr großen Spaß gemacht zu lesen, Herr Strohm

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  8. THE LLIGHT sagt:

    Lieber Herr Strohm, obwohl mir das Thema Uhrenneid in der von Ihnen durchdacht geschilderten Form noch nicht begegnet ist, kann ich viel Wahres im Artikel erkennen – gut gemacht!

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