Wie uns die (Uhr-)Zeit gestohlen wird.


Oder: Wenn uns Nobelhersteller weis machen wollen, dass eine Routine-Reparatur vier Monate dauert.

Ich habe eigentlich keinen Grund zum Jammern. Ich besitze schöne Uhren, kenne eine kompetente Uhrmachermeisterin, die sich um die kleinen und großen Wehwehchen (der Uhren) kümmert und habe die Erfahrung gemacht, dass solche Reparaturen zwischen ein und zwei Wochen dauern.

Alles ist gut. Außer der Worst Case tritt bei einem Schadensfall ein:

Die Uhr hat noch Herstellergarantie!

Und schon ist sie weg, die Uhr…

Oder um meinen postpubertären Neffen zu zitieren: Voll gelost, Alter. Denn die immer mit einem netten Plausch verbundene Routine, die Uhr quasi „um die Ecke“ im Meisterbetrieb abzugeben und sie zeitnah und gesundet wieder ins Uhrenkästlein rückzuführen, wird bei einem Garantiefall jäh unterbunden.

So eine Händlergarantie verspricht die „sorgenfreie, zeitnahe und kostenlose Lösung von sehr unwahrscheinlich auftretenden Problemen mit einem Meisterwerk aus unserem Hause.“ Lassen Sie mich von solch einem sorgenfreien Fall berichten.

Hauptdarstellerin des Dramas ist eine Audemars Piguet Royal Oak. Erworben bei einem der führenden Online-Luxushändler für Zeitmesser. Zu einem Preis jenseits der 10k. Also „kein billiger Scheiß“, um noch einmal meinen Neffen zu bemühen. Eine wunderbare Uhr, die sich allerdings nicht zwischen heute und morgen entscheiden konnte. Sprich: das Datum schaltete nicht sauber. Und bei der Einstellung der Zeit rutschte um kurz vor fünf die Welle durch. Ärgerlich, aber kein großes Problem – hätte ich die Uhr in den von mir so gelobten Meisterbetrieb verbringen dürfen.

Aber nein, sie hat ja noch Herstellergarantie – welch ein Glück (haben Sie meinen ironischen Unterton beim Tippen bemerkt??).

Ich will es ja allen immer einfach machen (besonders mir), also ersparte ich mir eine langwierige Beschreibung des Problems und filmte das technische Malheur, um das kleine Erklär-Video der Service-Stelle des Händlers zuzusenden. Mit ein paar netten Worten und der Aufforderung mein Schätzchen wieder heil zu machen, sendete ich eine Mail inklusive Video an den Online-Händler.

Prompt kamen nette und beruhigende Worte zurück, meine Mail würde umgehend beantwortet und alle im Team wären mit Herzblut dabei mein Problem zu beheben. Formschreiben, ick hör dir trapsen – sooo nun schon gar nicht. Per zweiter Mail forderte ich eine Zeitplanung und Lageeinschätzung ein. Und zwar bitte von dem angesprochenen Uhrmachermeister des Hauses. Und oh Wunder und Überraschung, Selbiger rief am nächsten Tag zurück. Er habe sich meine Mail und das Video angesehen und teile meine Einschätzung, dass es wohl ein recht einfach reparables Problem sei. Ich solle nun die Uhr einschicken und sie somit in seine kompetenten Hände legen.

Voll Zuversicht und Vertrauen in Meister HeileheileGänschen verabschiedete ich die Royal Oak und rief ihr hinterher, sie sei wohl in ein paar Tagen wieder zuhause. Das Leben belehrte mich eines Besseren.

Zeitsprung: Vier Wochen und folgende Mail später:

„Sehr geehrter Herr Strohm,
gerne teilen wir Ihnen mit, dass wir entschieden haben, Ihre Uhr zum Hersteller einzuschicken. Dieser Prozess kann einige Wochen in Anspruch nehmen daher bitten wir Sie um etwas Geduld.“

Das freut mich, dass sie das gerne mitteilen. Noch gerniger wäre mir gewesen, dass der Fehler in der eigenen Meisterei behoben wird, so wie versprochen. Aber weg ist weg und die AP unterwegs in die Schweiz, das Land der heilenden Hände.

Zeitsprung II: Weitere 3 Wochen später in meiner Mailbox:

„Sehr geehrter Herr Strohm,
gerne teilen wir Ihnen mit, dass die Reparaturszeit (inkl. Rechtschreibfehler) beim Hersteller ca. 10 Wochen dauern wird.“

Ich denk nur: Verdammt, die hurtigen Helveten legen sich aber wahrlich für mich ins Zeug. Doch halt! Las ich da auf der Homepage nicht etwas anderes? Ich zitiere:

Wie lange dauert eine Wartung bei Audemars Piguet normalerweise?
Das hängt vom Kaliber, dem Zustand der Uhr und den erforderlichen Arbeiten ab.
Normalerweise dauert ein Komplettservice eines Modells aus der Kernkollektion von AP, das noch Garantie hat, 21 Tage. 42 Tage dauert es, wenn die Garantie Ihrer Uhr nicht mehr gültig ist.

Was lesen wir daraus?

Erstens: Ist die Garantie abgelaufen, dauert es doppelt so lang – denn in diesem Fall können wir die Arbeiten ja in Rechnung stellen. Viel Arbeit – viel Rechnung!

Zweitens: Drei Wochen für einen Komplett-Service heißt: Alles auseinanderbauen, fetten, ölen, schmieren und wieder zusammenbauen in 3 Wochen. Rein rechnerisch dauert also nur der Austausch der Welle bei meiner Uhr 7 Wochen. Wie nennt man so was? Betriebsferien? Arbeitsverweigerung? Beschiss?

Manchmal hilft es, sich die Dinge genauer anzuschauen…

Ich wäre nicht Herr Strohm, wenn meine Kritik nicht (wie immer) sachlich und konstruktiv wäre. So setzte sich der Marketingfachmann in mir hin und entwarf eine revolutionäre Lösung, wie solcher 16-18 wöchiger Absenz vermieden werden kann. Das Zauberwort heißt:

Service vor Ort!

Man stelle sich diese irre Idee vor, die großen Marken würden mit Meisterbetrieben VOR ORT (und jetzt kommt’s) ZUSAMMENARBEITEN!!!

Dazu käme noch eine verbindliche Terminvereinbarung UND eine Austauschuhr für die zwei Wochen, in denen der eigene Liebling nicht das Handgelenk zieren kann.

Diese Idee habe ich mir direkt patentieren lassen und nenne sie „Kundenfreundlichkeit“. Allerdings warf meine Uhrmachermeisterin ein, dass es so etwas schon einmal gegeben hätte, ganz früher, zur Zeit ihres Vaters (ebenfalls Meister). Dass diese alte Service-Kunst allerdings ausgestorben sei – per Fangschuss durch die Hersteller. Denn nur der selbst verdiente Schweizer Franken ist ein guter Franken.

Für alle, die jetzt grinsen und diese Unverschämtheit der Marken als gottgegeben hinnehmen: Lächeln Sie auch noch, wenn man Ihren BMW zum Zündkerzentausch für 12 Wochen nach München schickt? In der Autobranche wurden die Hersteller gezwungen, Meisterbetriebe mit Ersatzteilen zu beliefern. In der Uhrenindustrie ist das wahrscheinlich nicht möglich, weil die Teile zu schwer und sperrig für den Versand sind…

Mein Vorschlag: Die meisten Luxusuhren sind weder in Revision noch Reparatur für den Uhrmachermeister vor Ort ein Problem. Wir sollten sie einfach mal machen lassen und fair bezahlen. Niemand, der 20k für eine Uhr ausgibt wird durch die 200-300 Euro einer Revision in die Insolvenz getrieben. Den Meisterbetrieben in unserer Umgebung sichert es aber das Überleben. Ich für meinen Teil, werde es in Zukunft so handhaben, auch wenn die Herstellergarantie (Teufelszeug!) einen kostenlosen Service verspricht.

An dieser Stelle muss ich leider abbrechen, denn ich habe noch einen Termin beim Arzt. Sollte ich in den nächsten 8-10 Wochen nichts posten, sitze ich wohl im Wartezimmer und darf nicht nach Hause. Oder werde eingeschickt zum Hersteller…na ja…wenigstens Mutter wird sich darüber freuen.

 

 

6 Comments

  1. Othmar Frühmann sagt:

    Und da wären wir wieder bei den Fakewatches ! Ich komme mir manchmal ein bisschen blöd vor wenn die schöne Panerei meines Neffen seit Jahren problemlos läuft. Und sie hat nur 350 Euronen gekostet! Und die fantastische Rolex die meinen Tennislehrer von Stunde zu Stunde begleitet und auch durch härteste sportliche Betätigung nicht umzubringen ist. Und die er auf meine Bewunderung hin, mit mildem Lächeln als “ Nachbau“ geoutet hat.
    Aber ich „Zertifikateheini“ bekomme als einzigen Mehrwert den unnachahmlichen Service der Luxushersteller.
    Bis dann, in 6 Wochen!

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  2. Lutz sagt:

    Schlimmer find ich die scheinbare Leidensfähigkeit der Kunden, die so was bei einer 10k Uhr als normal akzeptieren. Würde das keiner akzeptieren, müssten die Hersteller reagieren. Aber die meisten Kunden durchschauen das Spiel nicht, nein sie finden das super, dass Ihre Uhr beim Hersteller wieder gefixt wurde…

    Verkehrte Welt.

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  3. Jörg Weinkauf sagt:

    Ach Herr Strohm, so isses! Und die uns beiden bekannte nette Uhrmachermeisterin in SLS mit den netten Hunden macht ja wirklich klasse Arbeit! Nur – sie bekommt halt von den großen Marken keine Teile für die neuen Werke. Also meine Uhr die irgendwas mit alpha zu tun hat in die eine alte Schmuck- und Uhrenstadt geschickt, da sitzt der deutsche Service. Ist ja nicht schlimm, ist nur eine Kleinigkeit, schnell gemacht. 6 (!) Wochen später ist sie fertig – und ist genau so kaputt wie vorher. Nur neu sind Gehäusekratzer. Klasse, was? Mit meinem Auto kann ich in ne freie Werkstatt – mit meinen Tickern nicht immer.

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  4. Jürgen Simonis sagt:

    Doppelt schade, wenn man gar keinen Uhrmacher bzw. Uhrmacherin in seiner Stadt mehr hat oder nur solche, die irgendwann beschlossen haben, nur noch Batterien zu wechseln und Bänder zu tauschen. Aber das Saarland ist ja gut mit Autobahnen angebunden und hat auch viel zu bieten und dann verbindet man eben den Besuch bei der Uhrmacherin mit einem leckeren Essen o.ä.

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  5. Herrlich! Wie immer hast Du mit diesem Bericht „den Nagel auf den Kopf“ getroffen.

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