Ulrich Kriescher: „Wer sich nicht auf die Zukunft einstellt wird überrollt.“


Für meine Reihe „Die Uhrenbeweger“ habe ich Ulrich Kriescher interviewt, Uhrmachermeister und Protagonist der ZDF-Reihe „kaputt und zugenäht“. Kriescher repariert und verkauft in der dritten Generation Uhren, bloggt erfolgreich über Revi und Restauration von Rolex und Co. und rettet so ein fast aussterbendes Handwerk in die Zukunft. Zu den Kunden von Uhrmachermeister Kriescher zählen Museen, Adelshäuser und bekannte Uhrensammler genau so wie Kunden, die nur eine Kleinigkeit an Ihrem Zeitmesser reparieren lassen möchten.

Uli Kriescher, Uhrmachermeister, Blogger, Gutachter

Zur Person

Name: Ulrich Kriescher

Unternehmen: Uhrmachermeister Kriescher GbR

Position: Teilhaber / Werkstattleiter

Im Unternehmen seit: 1989

Beruflicher Werdegang

Aus meiner Familie sind aus drei Generationen sechs Uhrmachermeister entsprungen. Dem entsprechend kam für mich nichts anderes in Frage.

  • Ausbildung zum Uhrmacher und Augenoptiker
  • Uhrmachermeisterschule mit dem Abschluss Uhrmachermeister
  • BWL Studium
  • Ausbildung zum öffentlich bestellten & vereidigten Sachverständigen im Uhrmacherhandwerk

Ein paar Eckdaten zum Unternehmen

Standort: Würselen bei Aachen (seit ein paar Wochen weltbekannt durch den Bundeskanzlerkanditaten Martin Schulz).

Gründung: 1929 durch Uhrmachermeister Peter Kriescher.

Schwerpunkt: Verkauf von mechanischen Uhren, Reparatur / Revision von mechanische Uhren insbesondere Vintage-Rolex

Zukünftige Ausrichtung: Aufbau eines größeren Servicecenters für mechanische Uhren.

Und nun zu den Fragen

Was begeistert Sie an Uhren: Das Innere oder das Äußere?

Als Uhrmacher sind für mich die „inneren Werte“ ausschlaggebend. Das Design der Uhr ist für mich zweitrangig.

Grande Complication oder geniale Schlichtheit?

Geniale Schlichtheit und Präzision. Jede Komplikation macht das System träge und die Präzision leidet darunter.

Ihre erste wirklich „wertige“ Uhr war eine…?

Wenn man aus einer Uhrmacherfamilie stammt kann man diese Frage nicht beantworten, da ist man von wertigen Uhren von Geburt an umgeben.

Wie viele verschiedene Uhren tragen Sie regelmäßig?

Vier Stück

  • Damasko DK100
  • Alexander Shorokhoff Regulator
  • Mido Baroncelli mit dem 80 Stunden Uhrwerk
  • Zeno Basel Regulator

Ihr absoluter Favorit?

Damasko DK100 (Manufakturuhr mit überragenden Gangwerten und super Preis-/Leistungsverhältnis).

Sie wählen Ihre Uhr…

…der Kleidung entsprechend.

Fünf Klassiker, die ein Uhrenverrückter in der Schublade haben sollte.

  • Damasko DK 100
  • Vintage Omega (die mit den schönen rotvergoldeten Uhrwerken)
  • Rolex Submariner
  • Eine schöne alte Taschenuhr
  • Eine Präzionspendeluhr von Erwin Sattler (passt nicht in die Schublade, aber als Zeitnormal schon fast unersetzbar)

Die Rolex Submariner – für Uli Kriescher einer der Klassiker schlechthin.

Besitzen Sie eine „billige Urlaubsuhr“? Wenn ja, welche?

Eine ZENO Basel Airplane Diver begleitet mich in jeden Urlaub (ist mit 650.- Euro allerdings nicht ganz billig)

Welche Ihrer privaten Uhren würden Sie im Falle eines Verlustes am meisten vermissen?

Keine.

Sie tragen Ihre Uhr am liebsten am:

Lederband.

Bei welchen Gelegenheiten verzichten Sie auf eine Uhr am Handgelenk?

Bei allen Aktivitäten die mit Wasser zu tun haben. Als Sachverständiger ist man da vorbelastet!!!!!!!

Smart Watch: Ja / nein / heimlich / nicht mehr ?

Schönes Spielzeug, das mich nicht anmacht!

Mechanische Uhren werden jeden Technik-Trend überleben, weil:

Weil sie seit über 40 Jahren überflüssig sind, aber jeder Mann eine trägt.

Ein Familienmitglied wünscht sich von Ihnen eine neue Uhr. Und zwar einen sehr preiswerten Mode-Quarzer. Wie reagieren Sie?

Kein Problem. Mein Sohn hat eine zur Kinderkommunion bekommen.

Wenn Sie ein nicht uhrenaffiner Freund fragt, wie viel er denn für eine „vernünftige“ Uhr mindestens ausgeben muss, welche Summe nennen Sie?

Zurzeit mind. 500.- Euro, obwohl es auch teilweise darunter gute mech. Uhren gibt (z.B. Seiko).

Benchmarken Sie bitte folgende Preisregionen für Uhren mit ihrer Obergrenze:

  • Preiswerte Uhr – bis 500€
  • Mittelpreisige Uhr – bis 2000€
  • Teure Uhr bis – bis 7500€
  • Luxussegment – ab 7500€

Wenn man bedenkt, dass die deutsche Durchschnittsuhr 75.- Euro kostet, ist jede Uhr die 100.- Euro kostet eigentlich schon eine Luxusuhr!

Uhrmachermeister – ein aussterbender Beruf oder wieder schwer im Kommen?

Leider ein aussterbender Beruf. Ich bin mit Mitte 40 ein „Jungspund“ in unserem Handwerk. Da kann man sich vorstellen, wie die Altersstruktur aussieht. Das ist auch einer der Gründe, wieso ich ausbilde und für Nachwuchs in unserem Handwerk sorge!

Uhrmacher und –händler – geht das eine nur mit dem anderen (und umgekehrt)?

Gute Frage. Mein Vater wurde 1980 von Kollegen ausgelacht, dass er noch eine Uhrmacherwerkstatt betreibt und sich nicht ganz und gar auf den Handel konzentriert. Heute schauen viele Kollegen etwas neidisch auf mich, weil ich eine Uhrmacherwerkstatt betreibe und zusätzlich den Handel. In einem kleinen Ort wie Würselen geht das eine nicht ohne das andere, wenn man Erfolg haben möchte!

Für eine umfassende Revision muss ich mit welchen Ausgaben rechnen?

Ab 120.- Euro

Man hat das Gefühl, dass Marken wie Omega oder Rolex die Reparaturen und Revisionen von den Fachbetrieben abziehen und in die Stammwerke zurückverlagern wollen. Sinnvolles Spezialistentum oder Geldmacherei auf Kosten des Kunden?

Klare Aussage „Geldmacherei“. Wir haben über 80 Jahre Uhren von Omega repariert. Heute unterstellt man mir, dass ich das nicht kann. D.h. wenn ich nicht die Ersatzteile über Dritte erhalten würde, müsste ich alle Uhren zum Werk einsenden, und die Kunden würden bis zu 300% mehr für die Reparatur bezahlen.

Ist der Online-Uhrenhandel wirklich der Tod des klassischen Konzessionärs in der Fußgängerzone?

Ja, das merkt man ganz gut !

Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung des Uhrenhandels in den nächsten 5 Jahren?

Ich habe letztlich einen schönen Spruch gehört: „Handel heißt Wandel“. Dem kann ich zu 100% zustimmen. Wenn man sich nicht auf die Zukunft einstellt wird man überrollt!

Welches wäre der größte Fehler, den man als Händler machen kann?

Der Vergangenheit nach zu trauern!

Traditionshandwerk meets Social Network. Ist Offline-Business ohne Online-Präsenz noch machbar?

Ja, das sehe ich als Mitglied der Vollversammlung der Handwerkskammer Aachen jeden Tag. Es gibt viele Handwerker, die erfolgreich sind, die noch nicht mal eine Homepage haben. Für mich kann ich sagen, dass sich meine Onlinepräsenz ausgezahlt hat.

Wie kommt man von Würselen ins ZDF?

In dem man ein Telefonat erhält und erstmal denkt das ist „Verstehen Sie Spass“ am anderen Ende der Leitung. Was soll man auch davon halten, wenn man ohne Vorwarnung ein Angebot für eine Sendung im ZDF erhält? Als ich zu einem späteren Zeitpunkt bei dem Producer der Sendung nachgefragt habe, wie man auf mich gekommen ist, bekam ich als Antwort: „Natürlich durch Deinen Blog“.

Wenn nicht Uhrmachermeister, dann wären Sie jetzt:

Für mich gab und gibt es keine weitere Option!

Welches berufliche Ziel möchten Sie unbedingt noch erreichen?

Noch viele Jahre lang schöne Uhren wieder zum Leben erwecken !

Und welches private?

Keine. Wenn es so bleibt, wie es ist, bin ich zufrieden.

Welche nicht tickende Passion begeistert Sie?

Ich bin passionierter Schwimmer, Apnoetaucher und Zauberer.

Noch irgendwelche berühmten letzten Worte?

Zeit muss gepflegt werden !

Herzlichen Dank.

………………………………………..

*In der Reihe „Die Uhrenbeweger“ interviewe ich – meist per Fragebogen – Menschen, deren berufliches Leben eng mit dem Thema Uhr verbunden ist. Entscheider/innen aus der Uhren-Industrie und dem Uhren-Handel, Uhrmacher, Designer, Sammler und andere Verrückte.

Fragen und Antworten werden von mir unkommentiert veröffentlicht. Ich werde für keinerlei Leistungen im Rahmen der Veröffentlichung bezahlt, weder für die Abbildung von Produkten oder Marken, noch für die Verlinkung zu dem Unternehmen des Interview-Partners.

5 Comments

  1. Helmut Berndt sagt:

    Habe über Preis für Armband und Reparatur von 300€ für die Rolex gestaunt.Da lohnt es sich evt.nach Würselen zu fahren

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  2. Uli Kriescher kümmert sich seit Jahren um meine Uhren.

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  3. Ingo Sibert sagt:

    Es lebe das Handwerk!
    Bin immer wieder begeistert zu hören/lesen, dass es solche Jungs (und ggf. Mädels) gibt, die ihr Handwerk mit Freude ausüben.
    Danke für das Interview! 🙂

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  4. Thomas sagt:

    Da werde ich doch demnächst mal vorbeischauen.

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  5. Robert Lau sagt:

    Ich finde es schön, dass noch jemand für Uhrmacher-Nachwuchs sorgt.

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