Ein faules Osterei namens „Daytona“


Möchten Sie auch einmal bis zu 4.100 Euro beim Kauf einer Stahl-Daytona sparen? Dann sollten Sie…keine Ahnung was tun, aber mit Sicherheit nicht auf jede Osterreklame  reinfallen.

Die Betreffzeile der heutigen Mail von watchmaster.com

Ostern, das heißt für viel Uhrenliebhaber: Vier Tage frei im Kreis der Familie (Verzweiflungs-Freu-Smiley). Da greift das horophile Familienoberhaupt gerne mal zu Ausreden wie: “Schatz, ich muss da noch ein Invest online recherchieren…“ oder „Mein Gott, ich hab’ die Geschäftsmails noch nicht gecheckt!“ um dem Feiertagswahn für ein paar Minuten zu entfliehen. Und rennt blindlings in den nächsten Irrsinn. Denn was findet er in seinem Postfach? Vielleicht das Gleiche wie ich heute Morgen: Eine Mail, die mir die Glückseligkeit schlechthin und den Schnapp des Jahrhunderts prophezeit:

Bis zu 4.100 € sparen – Rolex Daytona 116520 (stahl/weiß)

Gleichzeitig die Mail öffnen und in Gedanken den Preis der genannten Daytona durchrechnen war eins. Sie und ich, wir können doch wohl die Preislisten des Rolex Top-Modells seit dem 18.Jahrhundert im Schlaf repetieren. Preis/Wertsteigerungen und Chrono24-Angebote inklusive. Deshalb wissen wir, dass es selbst bei einem neueren Modell, sagen wir 2015/16 in gutem Zustand und Fullset Mord und Totschlag im Online-Warenkorb geben wird. Bei DER Ersparnis darf’s auch mal für 500 Gramm mehr sein.

Dieses Angebot verbirgt sich hinter dem Link innerhalb der Werbemail. Man beachte die Details…

Während die Ersten den eigene Kontokorrentkredit checken, sind die Zweiten bereits beim dritten Blick auf das eigentliche Angebot – und leicht verwundert. Es öffnet sich eine Angebotsseite, die wie versprochen eine Daytona 116520 feilbietet.

Nichts gegen die 11.9, aber wo kommen die 16.000,- her?

Eine aus 2006 für 11.900,- Euro. Der interessierte Leser weiß nun, dass dieser Preis für ein solches Modell von einem Schnäppchen so weit entfernt ist wie Jean-Claude Biver von einer Stelle als CEO bei der Splendor S.A. Doch noch mehr verwirrt die dahinterstehende Preisersparnis von 4.330,- Euro. War in der Mail nicht von „bis zu 4.100€“ die Rede? Und jetzt noch mehr? Und gegenüber welchem Preis spare ich das?

Erleuchtung bringt der Blick auf die Gesamttabelle, in der die Daytona aus 2016 mit 16.230 Euro veranschlagt ist. Warum auch immer. Das Substrat von 2016 minus 2006 wären dann (laut dem großen Mathematiker David Copperfield) genau 4.330,- Euro.

Tränen der Freude füllen mein Auge, denn laut dieser Logik spare ich gegenüber einer vollgoldenen Daytona sogar über 20.000,- Euro und gegenüber einem US-Flugzeugträger sogar ein paar Hundert Millionen. Wie sprach der weise Herr Klawudke vom Obst- und Gartenbauverein: „Wer Äpfel mit die Birnen vergleicht hat ein lecker Obstsalat“.

Ein vergleichbares Angebot bei chrono24.de

Aber kommen wir zu den reinen Zahlen zurück, denn irgendwie müssen die Verkäufer von watchmaster.com doch auf die Ersparnis kommen. Verdammt – habe ich einen Fehler gemacht? Also von vorne:

Eine Daytona 116520 hat 2006 7.200,- Euro gekostet. Das kann es also nicht sein, denn würde ich davon noch bis zu 4.1k sparen, dann müsste ich nur 3 bis 3.5k zahlen. DAS wäre ein Schnapper! Heute wird ein Modell dieses Alters bei chrono24 mit 10 bis 11k gehandelt, wobei ich nicht verschweigen möchte, dass auch in Einzelfällen bis zu 12,5k aufgerufen (nicht bezahlt) werden. Das kann es also auch nicht sein. Setzt watchmaster.com einfach Phantasiezahlen als Streichpreis ein, um unwissende Daytona-Fans die überteuerten Preise schmackhaft zu machen?

Das gab’s doch was Gesetzliches zum Thema Streichpreise – was war das noch? Ja, und zwar dass Streichpreise keine Mondpreise sein dürfen, bei denen die Mehrzahl der Betrachter glaubt, dies sei der reguläre Preis des Produktes, oder dass dieser Preis der bisherige Verkaufspreis innerhalb des Shops gewesen sei.

Wurde also jemals eine 2006er 116520 für über 16k bei diesem Händler angeboten? Vielleicht als Aprilscherz in suizidaler Absicht, bestimmt nicht als ernstgemeinte Offerte.

Die momentan begehrteste aller Neu-Daytonas mit einem Listenpreis von 11.300,- Euro

Noch einmal kurz zum aktuellen Daytona-Hype. Der heißeste Scheiß momentan ist die 116500LN, die Listenpreis (!!) 11.300,- kostet, aber ab dem ersten Moment vom zweiten Markt für 15-18k angeboten wurde. Neu, verklebt und direkt lieferbar. Genau die wird im genannten Shop auch angeboten, für 17.250,- Euro.

Wenn das der Markt und die Kunden hergeben, sei’s drum, denn jeder darf einen Verkaufspreis für seine Ware frei bestimmen. Auch ich habe schon über Listenpreis gekauft und verkauft – wenn ich mir dessen bewusst bin und der LP bekannt ist – dann ist alles gut.

Wer aber seinen potentiellen und nur mit Halbwissen gesegneten Kunden einen illusorischen, angeblichen Preisnachlass von „bis zu 4.100,- Euro“ per Mailbetreff suggerieren möchte (was selbst rechnerisch laut Liste nicht möglich ist), der bewegt sich an der Grenze dessen … was ich Ihrem Urteil überlassen möchte.

Da fällt in der Beschreibung das „Wie am ersten Tag“ schon nicht mehr ins Gewicht, das direkt neben „Gehäuse aufbereitet“ steht. Was für ein Service, bereits am ersten Tag wurde das Gehäuse aufgearbeitet. Magic! Oder dass bei allen angebotenen Daytonas von 2006 bis 2016 dieselben Fotos hinterlegt sind. Doppel-Magic!! Müsste dann nicht „Abbildung ähnlich“ oder „Serviervorschlag“ danebenstehen? Dünnes Eis.

Mir bleibt eine Bitte für die Feiertage: Auch wenn wir Männer beim Thema Uhren manchmal mit unseren Ostereiern denken, tut ein wenig Recherche immer gut. Wissen macht nie dümmer, sondern weniger Aua. In diesem Sinne:

Ein frohes Osterfest ohne faule Eier!

8 Comments

  1. Dirk Dobinsky sagt:

    Danke, das Lesen hat Freude bereitet!
    Und mich darin bestärkt, dass ich mich nicht (mehr) in derlei Preisbereiche bewegen werde….es geht eben dann doch nur um eine Uhr….ein Ding, dass die Zeit anzeigt, die viel zu schnell vergeht!
    Die (für mich) auch immer im Wettbewerb mit einem schönen Urlaub, mit prächtigen Sonnenauf- und Untergängen (in Florida) steht…und einem nachhaltigen Glücksgefühl, dass mir eine (unverschämt teure) Uhr dann doch nicht zu geben vermag.
    Es hat Jahre und viele Missverständnisse gebraucht, um zu dieser Erkenntnis zu kommen…
    Allen Lesern und dem Autor frohe Ostern!🐣

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  2. Lutz sagt:

    Das Beispiel zeigt, dass in der Szene ganz schön viele Glücksritter unterwegs sind…

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  3. OL sagt:

    Hallo Herr Strohm,
    vor anderthalb Jahren wollte ich bei diesem Anbieter die noch recht frische Tudor North Flag erwerben.
    Nachdem ich das Ausfüllen des Web-Formulares jedoch abgebrochen hatte, wurde ich tagelang zu allen möglichen Zeiten von einem Mitarbeiter des Unternehmens mit Anrufen und Mailbox-Hinterlassenschaften belästigt.
    Schließlich ging ich doch ans Telefon und ließ mich belabern die Uhr zu kaufen und zu bezahlen.
    Entgegen der Versprechung hat die Lieferzeit nicht nur wenige Tage sondern so lange betragen, dass ich nach ungefähr zwei Wochen im Verzug die Bestellung storniert habe.
    Das Geld habe ich auch tatsächlich zurück bekommen.
    Nach ein paar Wochen wollte ich die Uhr immer noch haben und der Anbieter war noch der Günstigste, so dass ich erneut zuschlug.
    Auch dieses Mal wurde die versprochener Lieferzeit um circa eine Woche überschritten.
    Die Uhr war in der Zwischenzeit von einem spanischen Konzessionär besorgt worden.
    Ich würde dort nicht wieder kaufen.
    Viele Grüße aus Kölle!

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  4. Antje sagt:

    Leider hat dieser Händler bei mir das Geld für eine Tag Heuer kassiert und nach über 14 Tagen von einer dubiosen Sicherheitsprüfung gesprochen.
    Keine Uhr bekommen.
    Hoffe mein Geld kommt zurück.
    Alles nicht schön.
    Gruß Antje

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  5. THE LLIGHT sagt:

    Lieber Herr Strohm, als ich Ihr Bildschirmfoto als Vollbild auf dem Monitor hatte, habe ich gehofft, dass meine Frau nicht just in diesem Moment hereinschaut! Dann gäbe es wohl ganz unösterliche Diskussionen… Spaß beiseite, danke für die wie immer sehr unterhaltsam geschriebene Lehrstunde. Wobei ich anfügen muss, dass ich mich mit derlei Preisregionen nur beschäftige, wenn ein Uhrenblog darüber schreibt.
    Frohe Ostern!

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