Baselworld 2018 – ein Ausblick.


Mit dieser Ankündigung dürfte ich wohl der Erste im Netz sein. Mit „Baselworld 2017 – ein Rückblick“ wäre ich mit Garantie der Letzte, der etwas über die weltgrößte Schmuck- und Uhrenmesse schreibt. Es sind rund zwei Wochen vergangen, seit das letzte Champagnerglas geleert und der erste Schwächeanfall des Standpersonals nach Schließung überwunden ist.

Basel und die Uhrenwelt hat wieder fast ein Jahr Ruh. Vor überdrehten Sales-Managern, überforderten Konzessionären und unterbezahlten Schönheitsköniginnen aka Messehostessen (beiderlei Geschlechts). Ganz ehrlich – ich wollte nix schreiben, doch täglich werde ich gefragt, warum ich nicht da war, wo denn die Bilder blieben und was ich von der neuen VanTickern Chronophob Sport halte.

Ein Pixel-Gewitter aus Hemdsärmeln und Zeitmessern.

Jede, ausnahmslos jede Uhr wird auf der Messe befingert, umgelegt und mit dem Smartphone abgeschossen – selbst die der netten Toilettenfrau in Halle 2.2. (ICEWatch in weiß). Ab der ersten Sekunde der Messe fluteten Watch-Selfies die Datenbanken von Instagram, Twitter und Facebook. Wer (wie ich) mit den Marken, den Medien und vielen Bloggern vernetzt ist, der erlebte ein fast einwöchiges Pixel-Gewitter aus immer wiederkehrenden Hemdsärmeln mit wechselnden Zeitmessern. Sich endlos wiederholende Wristshots angeblicher Weltneuheiten und Megatrends, bahnbrechender Innovationen und branchenrettender Komplikationen.

Doch wie läuft der Tag für einen bekannten Journalisten und Blogger auf der Baselworld eigentlich ab? Ich weiß es nicht, ich kann Ihnen aber sagen, wie seit Jahren MEIN Baseltag ausschaut. Ich nehm Sie mal mit.

Von meinem saarländischen Heimatdorf aus sind es ziemlich genau drei (wie sich herausstellte theoretische) Stunden bis zur Messe. Akkreditierung und Presseparkplatz werden im Vorfeld online gebucht. Meine Fahrt führt ausschließlich durch Frankreich (jetzt fragen sich 90% meiner Leser, wo denn dieses verdammte Saarland liegt), da kam es mir sehr entgegen, dass der P+R-Presseparkplatz am Flughafen Basel-Mulhouse-Freiburg liegt. In Frankreich also. Für mich als Journalisten kostenlos – für Otto Normalverbraucher kommt für Eintrittskarte und Parken schon mal ein Hunderter zusammen.

Einmal Kreisel – 38,50 €

Die sonst fällige Schweiz-Vignette (38,50€) wäre also hinfällig, wenn nicht die einzige Möglichkeit diesen (französischen) Parkplatz zu erreichen die wäre, an ihm vorbeizufahren, in Basel die Grenze zu passieren, direkt im ersten Kreisel umzukehren und wieder nach Frankreich einzureisen, um zum Flughafen zu gelangen – und sich beim Grenzübertritt eine Vignette zu kaufen.

Nun gut. Parkplatz gefunden, Shuttlebus genommen und die Messe geentert. Presse-Umhänger abgeholt und rein ins Getümmel. Und was soll ich sagen: Erstaunlich viel Platz in den Hallen. Mein erster Eindruck wurde nach Messeende bestätigt. Im zweiten Jahr in Folge sind die Besucherzahlen um fast 5% rückläufig. Auch die Auffälligkeit, dass es weniger Aussteller sind, wurde im Nachhinein mit Zahlen belegt.

Nun muss ich für den potenziellen privaten Visiteur Folgendes sagen: Ein Besuch alle paar Jahre genügt voll und ganz. Die Großzahl der Messestände bleiben unverändert, auch die Tatsache, dass Sie nie das Innere eines Standes sehen werden – und zu den Neuheiten komme ich noch…

Der interessierte Leser kennt die Bilder der Ausstellungs-Paläste: drei- bis vierstöckige Prunkbauten auf Zeit, die Besprechungskabinen, Lounges, Bars und Gourmet-Restaurants umschließen. Hier werden Konzessionäre überredet oder geknebelt – je nach Größe des Uhrenherstellers. Geladene Gäste empfangen, Markenbotschafter aus Film, Fernsehen und Sport herumgereicht und Goody Bags an die Presse verteilt. Empfangen wird der Besuch aus aller Welt von ausgesuchten Beautyqueens (ebenfalls aus aller Welt). Bewacht werden die Schönheiten (Uhren und Hostessen) von durchweg schwarz gekleideten und sehr einsilbigen Zeimalzweimetern aus dem Sicherheitsgewerbe.

Halle 1.0 – Das Epizentrum der Haute Horologie

Die Uhren der Luxus-Hersteller werden auf dem Messestand jeweils zweifach präsentiert: In innen liegenden Vitrinen (VIP) und nach außen liegenden Schaufenstern (VOLK). Auf wohl keiner Besuchermesse wird die Zweiklassengesellschaft so zelebriert wie hier in Basel. Je weiter sich der Besucher vom horologischen Epizentrum der Macht (Halle 1.0) entfernt, desto offener (im wahrsten Sinne des Wortes) werden Aussteller und Stände. Da kann man schon mal mutig sein und einfach den Stand des Lieblings-Urologen entern, da aufgrund der horrenden Standgebühren oft das Geld für die Herren Dukommshiernitrain fehlt. Oder – wie bei den wenigen deutschen Herstellern – im Sinne der Kundennähe darauf verzichtet wird.

Aber wieder zurück zu meinem Tagesablauf. Ein halbes Dutzend Termine stehen an. Hersteller, die mich eingeladen haben, sie „in Basel“ zu besuchen, netzwerken, persönliches Kennenlernen und mal „über Kooperationen reden“.

Der Ablauf ist meist gleich: Begrüßung, Smalltalk („das mit dem P+R am Flughafen ist ja eine Katastrophe“) und gleich kommt man zur Sache: die neue Kollektion. Ein professionell repetiertes Faktenfeuerwerk über Innovationen, einzigartige Ideen und Überlegenheit gegenüber den Mitbewerbern.

Auf 30 Minuten angesetzt und vorgetragen von externen PR-Fachleuten, die von den Herstellern für die Pressearbeit angeheuert wurden. So kommt es schon einmal vor, dass man innerhalb von zwei Stunden bei drei verschiedenen Marken sitzt, das nette Gegenüber/in aber immer Mitarbeiter/in derselben PR-Agentur ist. Tiefgreifendes uhrmacherisches Wissen? Identifikation mit Marke und Modell? Ich bezeichne es lieber als nett und sehr bemüht.

„Wir sollten mal kooperieren“.

Herstellern und PR-Arbeitern möchte ich keinen Vorwurf machen, denn Basel heißt Verkaufen. Und Kooperationen mit meinem doch „so außergewöhnlichen und wirklich lesenswerten Blog“? Gemeint damit ist das kostenlose oder entgeltliche Veröffentlichen von Bildern und Presseberichten, die mal schon mal auf dem (echt geilen) USB-Stick zusammengestellt hat. Ich dürfe jetzt auch gerne mal die Uhren anlegen und iphonen, kein Problem, wenn ich sie direkt auf Instagram oder Twitter hochlade. Aha.

Der freundliche Hinweis, dass ich so nicht arbeite verkürzt das Gespräch meist um ein paar Minuten. Mein Vorschlag, eine von mir ausgesuchte Uhr zu testen, kostenlos, aber ohne Textabstimmung wird meist mit einem „Da muss ich mal nachfragen“ in Kombination mit dem bekannten „Im Leben nicht“-Lächeln kommentiert.

Ich möchte nicht ungerecht sein, die ein oder andere Marke wollte sich direkt nach der Messe für eine solche Test-Aktion mit mir in Verbindung setzen. Vielleicht kommt ja noch was, es sind ja erst zwei Wochen vergangen…

Natürlich gibt es auch noch die andere Art der PR-Arbeit, die für die bekannten Vertreter der großen Medien: TV, internationale Uhrenmagazine und die reichweitenstarken Blogger. Die dürfen allabendlich von Markenevents und VIP-Lounges, von Private-Dinnern mit Sterneköchen und Probefahrten in Luxuskarossen berichten. Inklusive Dankeschön-Tweet und #bestwatchbrand-Post. Ich bin seit Tagen am überlegen, ob ich da neidisch drauf bin…

Was gibt es sonst Neues zu entdecken? Sind wir ehrlich: Nix. Nix was nicht schon Tage zuvor auf den Homepages der Hersteller mit Stolz und Getöse angekündigt wurde. Nix was nicht dutzendfach als Sau durch alle Gassen der Foren getrieben wurde. Nix was mich nicht mehrfach per Newsletter zugespamt hat. Endlich die Keramiklünette auch für das Weißgold-Modell, die Bicolor-Variante in 39,5 statt der riesigen 40mm und die sehnsüchtig erwartete, genderkonforme Pink Side of the Moon.

Hallenecken und Raketenuhren

Dieses „nix“ bezieht sich allerdings nur auf die erste der beiden vorhin schon genannten Welten. Die zweite beginnt für mich genau zwei Ebenen über Rolex, Breitling, Patek und Co. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Im zweiten OG. der Halle 1, ganz hinten im Eck befindet sich „Les Ateliers“, eine Ausstellungsfläche, die im ersten Moment anmutet wie „dahinten wäre noch ein Tisch und ein Stuhl frei“.

Jeweils wenige Quadratmeter ohne Pomp und Bling, dafür aber mit viel Esprit, Charme und wirklichen Innovationen. Hier stolpert man (ernst gemeint) auch über solch tolle Hersteller wie Lehman, Schaumburg Watch, Graham oder MB&F.

Und über einen Schweizer namens Patrick Hohmann, der mir mit glänzenden Augen sein Projekt „Uhren aus russischen Weltraum-Raketen“ vorstellte. Und so habe ich kurz vor Feierabend noch mein persönliches Highlight der Baselworld kennengelernt. Doch zu ihm und seiner verrückten Idee komme ich in ein paar Tagen in einem anderen Blogbeitrag.

Und dann ist auch schon 19:00 Uhr und die Messe schließt so langsam ihre Pforten. Ich bin hungrig von einem 12 CHF Käse-Baguette (ohne Getränk) und müde von Dutzenden asiatischer Hersteller, die Daniel Wellington Clone anpreisen, Submariner-Hommagen feilbieten und Karaoke-Smartwatches verscherbeln. Ich habe kein einziges Selfie gemacht, keine Einladung zur Aftershow-Party bekommen und hatte keinen Termin bei Jean-Claude. Es war also ein durchaus normaler Tag in Basel. Und hier noch der Ausblick für 2018: Es dürfte sich bis dahin wohl nichts ändern.

Nur das mit der Vignette, das ärgert mich noch immer.

4 Comments

  1. Lutz sagt:

    Warum soll ich als interessierter Uhrneliebhaber dahin?
    Um mir zeigen zu lassen, wie unwichtig ich bin?
    Um zu spüren, wie sehr ich mit (Fach-)Fragen störe?
    Um Staffage zu spielen für die große Branchenshow?
    Um mir wie ein 15-Jähriger die Nase an Scheiben platt zu drücken?
    Um mich frusten zu lassen ob der Arroganz?

    Oder soll ich mich der Standbesatzung anbiedern, um einen schnellen, gefühlt illegalen Blick zu erhaschen auf Neuheiten, die ich 2 Wochen später beim Konzessionär auch sehe? Aber davor bitte genau überlegen, mit welchem meiner Schätze am Arm ich den dafür notwendigen Eindruck schinde.

    Das erinnert mich an meinen ersten Besuch auf der IAA, dem automobilen Großevent, wo wir als Schüler mal schnell in geöffnete Nobelkarossen schlüpfen könnten. Das ist aber schon 35 Jahre her und ich bin zu alt, um mich so behandeln zu lassen.

    Das ist aber ein allgemeiner Trend unseres Hobbys, es geht auf Preisschildern nur noch nach oben ohne realen innovativen Gegenwert. Neue Farbe oder anderes Band ist keine Innovation. Das verleidet vielen Fans dieses Hobby. Warum sonst gibt immer mehr Vintage-Liebhaber? Oder Selbstmacher?

    Was kostet so ein Tag für nicht Presser?
    Dafür geh ich doch lieber mit meiner Frau essen, macht mehr Spaß und glücklich.

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  2. Christian sagt:

    Ich war auch da und es war genau so. Aber eines Tages darf ich an der Security vorbei und eine tolle Uhr anlegen und dazu Champagner trinken und mir erklären lassen warum es die blau rote dieses Jahr nicht gibt sondern erst nächstes Jahr. Ganz bestimmt.

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