Es ist nur selten Gold was glänzt


Warum in Sammlerkreisen die Edelstahl-Uhr meist beliebter ist als ihre goldige Schwester.

Es gibt sie wirklich, die Verrückten, die über 17 Millionen Dollar für einen Ladenhüter auf die Theke des Phillips Auction House blättern. So geschehen vor wenigen Monaten in New York, als nach knapp 12 Minuten und einem Startpreis von rund einer Millionen Dollar eine unscheinbare und recht abgetragene Rolex aus prominentem Vorbesitz den Eigentürmer (viele vermuten, es handele sich dabei um Rolex selbst) wechselte. Auffällig daran: Weder mit augenscheinlich äußeren Werten wie Gold noch Edelsteinen kann die Uhr glänzen, noch waren die inneren Werte – lediglich ein Chronographenwerk – ausschlaggebend für den aktuellen Auktionsrekord.

In diesem Fall treffen zwei ganz große Namen ihrer Zunft aufeinander: Die Uhrenmarke mit der Krone auf dem Zifferblatt und die Schauspielerlegende Paul Newman, der diese Daytona 1972 von seiner Frau Joanne Woodward als Geschenk bekam. Die rückseitig eingravierte Aufforderung „DRIVE CAREFULLY, ME“ gab’s für den passionierten Rennfahrer kostenlos dazu. Graviert, getragen und nicht einmal Edelmetall. Dazu ein Modell, das in seiner Anfangszeit wie Blei in den Regalen und Auslagen der Juweliere lag. Und gerade dadurch ein perfektes Beispiel, dass unter Vintage-Sammlern Stahl das neu Gold zu sein scheint.

Um das zu verstehen, muss man die Faktoren kennen, die aus einem einfachen (oder komplizierten) Zeitmesser ein hochpreisiges Objekt der Begierde machen. Und diese sind oft bei Marke oder Modell so individuell, dass sie sich kaum verallgemeinern lassen. Versuchen wir es trotzdem und gehen ein paar Jahrzehnte zurück, bis in die Dreißigerjahre des vorherigen Jahrhunderts. Nichtgoldene Uhrengehäuse bestanden in der Anfangszeit meist aus Messing, das verchromt, versilbert oder vergoldet wurde. Stahl kam erst ganz zaghaft in den Dreißigerjahren auf und fand noch seltener Anwendung als die Armbanduhr an sich. Bis in die Sechziger produzierten die wenigsten Hersteller Uhren in Stahl, die wesentlich weicheren Edelmetalle wie Silber, Gold oder Platin ließen sich einfach besser bearbeiten. Natürlich war und ist die Anfälligkeit für Kratzer und Dellen gleichermaßen höher. Aber Uhren waren in den ersten Jahren vor allem Schmuckstück, das nicht unbedingt von Arbeiterarmen während der Produktion getragen wurde. Die sprichwörtlich „goldene Uhr“ zum fünfzigsten Dienstjubiläum war durchweg im Uhrenkästlein beheimatet und – wenn überhaupt – dem Kirchgang vorbehalten.

Die Bearbeitung von Stahl für Band und Gehäuse war in den Sechzigern noch eine Herausforderung

Die aufwendige und kostspielige Bearbeitung des spröden Materials, vor allem bei den Uhrenarmbändern, machte die ersten Stahluhren – im Verhältnis zum Materialwert – enorm teuer und nicht gerade zum Verkaufsschlager. Die damals üblichen Gehäusegrößen von 36 Millimetern, gehalten von einem preiswerten Lederband, bestimmten Mode und Preislisten. Die ersten „Tool-Watches“ wie Rolex Submariner oder Omega Speedmaster schienen mit ihren 40 Millimetern auch dem gut genährten Wirtschaftswunder-Mann am Arm eher klobig und überproportioniert. Erst in den Siebzigern wurden Taucher – und vor allem Pilotenuhren wie die Rolex GMT salonfähig und zum coolen Accessoire des Mannes von Welt. Dabei tat die stetig steigende Medienpräsenz der Reichen und Schönen, des Adels und der Hollywood-Granden in der Regenbogenpresse ihr Übriges, die Begehrlichkeit nach dem einzig erlaubten „Männerschmuck“ zu steigern. Rennfahrer, Astronauten und James Bond-Darsteller lebten damals – noch teilweise kostenlos – vor, was das linke Handgelenk zu tragen hat. Und genau diese Modelle, neben den oben bereits erwähnten auch Uhren wie die Heuer Monaco von Steve McQueen, oder die äußerst beliebte Cartier Santos, wurden über die Jahrzehnte zu begehrten und damit kostspieligen Klassikern. Ihr Erfolg liegt auch darin, dass sie zwar modifiziert und technisch optimiert, aber nie ihrer ursprünglichen Gene beraubt wurden. Irgendwie sieht eine Submariner oder Speedmaster noch aus wie in den Jugendtagen jener solventen Zielgruppe, die sie heute mit enormem zeitlichen und finanziellen Aufwand sammelt.

Die Speedy – Optik wie immer, gefragt wie nie!

Berühmte „Vorbesitzer“ und bekennende zeitgeschichtliche Träger einer Marke sind also eines der wichtigen Kriterien für die Wertsteigerung eines Modells. Heute heißen diese Menschen „Markenbotschafter“ und werden dank ihrer werblichen Käuflichkeit nicht mehr ganz so stilprägend wahr- und ernstgenommen. Vor Kurzem wurde über eine Auktions-Plattform die mit Namen gravierte Uhr von Horst Lichter angeboten. So viel sei verraten – sie brachte nicht viel Bares für so etwas Rares. Um das Verhältnis Stahl und Gold bei Uhren besser einordnen zu können muss man mit einbeziehen, dass Gold das Schmuckmetall schlechthin ist. Wer Gold trägt, kann es sich leisten und will genau das zeigen. Das hat sich auch in den letzten Jahrzehnten wenig verändert. Nur wurden die Uhren größer und fanden sich zwischenzeitlich an den Handgelenken von Kiezgrößen und Gangster-Rappern. Understatement sieht anders aus.

Natürlich verliert eine Uhr nicht automatisch an Wert, nur weil sie aus Gold oder Platin gefertigt ist, doch bei Sammlern ist das Gehäusematerial eher zweitrangig. Eine gelbgoldene Daytona inkl. Brilli und Bling-Bling ist ein No-Go, das Stahlmodell von Paul Newman…na das hatten wir ja schon. Bei Vintage werden also die Standard-Bewertungskriterien einer Uhr manchmal auf den Kopf gestellt. Faktoren wie die Komplexität des Werkes stehen nicht mehr an erster Stelle. Das ändert auch nicht die teuerste Uhr, die jemals versteigert wurde: eine Taschenuhr mit 24 Komplikationen aus dem Hause Patek Philippe. Auch Limitierungen sind kein Garant für steigende Wiederverkaufpreise, genauso wenig wie die Handwerkskunst oder der Zustand. Bei Letzterem verhält es sich ähnlich wie bei den automobilen Raritäten.

Heuer Autavia – noch ohne TAG, aber mit vielen Emotionen.

Zählte vor einigen Jahren noch der perfekte Erhaltungszustand oder die werkseigene Restaurierung, so heißen die Zauberworte heute Patina und Authentizität. Da darf es auch mal ein Bugatti-Wrack aus dem Lago Maggiore sein – bei Weitem nicht so wasserdicht wie eine Omega Seamaster. Bei einer Rolex heißen jetzt Kratzer und Macken „unpolierter Zustand“ und die vergilbte, wirkungslose Leuchtmasse monetarisiert sich als „wunderbar vanillefarbene Indizes“. In diesem Moment wird aus einem technischen Zeitmesser ein rein emotionales Stück Zeitgeschichte und vielleicht der heilige Gral für so machen Sammler. Denn verkratzter Stahl wirkt unzweifelhaft cooler als vermacktes Gold.

Ein befreundeter Sammler, der kein einziges güldenes Stück sein Eigen nennt, hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Einen goldenen Wecker kann jeder Depp erkennen, den wirklichen Wert einer Stahluhr erkennen nur wahre Sammler.“

 

2 Comments

  1. Axel R. sagt:

    Ich sehe (nur) 2 Faktoren, die den Wert/die Sammelwürdigkeit historischer Uhren treiben:
    – Hohe Begehrlichkeit/große Nachfrage nach dem aktuellen Modell (aus welchem Grund auch immer)
    – Historische Rückverfolgbarkeit des aktuellen Modells (damit Link in die Vergangenheit)

    Das i-Tüpfelchen: emotionale Aufladung (prominenter Besitzer, erste Uhr auf dem Mond,…)

    Demnach wären historiche, goldene Uhren weniger beliebt.

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  2. Othmar sagt:

    Schön, mögt Ihr alle Stähle sammeln und mir den Goldpreis nicht verrammeln!

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