Von Safe Queens und Daily Rockern – Was Verkaufsanzeigen erzählen und verschweigen.


Wer nach gebrauchten Uhren von privat im Netz sucht, der kennt all die kleinen Versprechungen, Beschönigungen und Lobpreisungen rund um die angebotene Ware. Das ist bei Uhren wie bei Gebrauchtwagen mit Skepsis zu genießen. Was nicht heißen soll, dass hinter jedem Satz eine betrügerische Absicht steckt. Vieles wird…sagen wir mal…einfach nur etwas positiver umschrieben. Daher gilt beim Lesen (und vor dem Kauf) die Weisheit des feuerroten Spielmobils: „Wer nicht fragt bleibt dumm!“ Kennen Sie doch – oder bin nur ich so alt?

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Nirgendwo wird mehr beschönigt als bei einer Beerdigung und bei gebrauchten Uhren

Ich habe die häufigsten Formulierungen zusammengetragen und versuche zu erklären, was sich meiner Erfahrung nach dahinter verbergen könnte.

„NOS – New old stock“
Ungetragene Ware aus Lagerbestand. Oder wie Omma sagte: Ladenhüter.

„Near mint“
Fast neuwertig – aber wirklich nur fast… Ein Zwischending zwischen Zustand 0 und 1.

„Safe Queen“
Uhren, die (angeblich) ihr gesamtes Leben als Kapitalanlage im Tresor schlummerten. Und wie das mit dem Kapital so ist, der Besitzer will justament besonders viel rausschlagen. Inhaltlose Aussage.

„Geringe Lagerspuren“
An der linken Flanke befinden sich ein paar Macken vom Ablegen auf dem Waschbecken. Sorry, aber wenn man etwas ordentlich lagert, trägt es keine sichtbaren Spuren davon.

„Nix für PTMs“
Der Käufer rät damit allzu pingeligen Pflegeenthusiasten vom Kauf ab, denn hinter der Abkürzung verbirgt sich der „Fachbegriff“: PolierTuchMuschi.

„Auf Funktion überprüft“
Draufgeguckt – läuft – fertig. Nicht mehr und meist viel weniger. Siehe auch:

„Vom Uhrmacher durchgesehen“
Unn watt nu? Was hat er denn gesehen? Dass alles in Ordnung ist oder das nackte Grauen? Aussagewert: Null!

Sogar Herr Strohm hat das Uhrenseminar erfolgreich abgeschlossen.

Sogar Herr Strohm hat das Uhrenseminar erfolgreich abgeschlossen.

„Eine Revision ist empfehlenswert“
Revi hat sich nicht mehr gelohnt, aber wenn du lieber Käufer eine auf deine Kosten machen möchtest…bitte schön…

„Über Gangwerte können keine Angaben gemacht werden“
Wer nicht einmal willens oder in der Lage ist, eine Uhr 24 Stunden bezüglich einer Gang-Abweichung zu beobachten – von dem würde ich nichts kaufen.

„Box und Papiere sind leider beim letzten Umzug verloren gegangen“
Wie oft und wie schlampig manche Menschen doch den Wohnsitz wechseln. Da kann man ja froh sein, dass sie nicht die Ehefrau im Umzugswagen vergessen. Bei solchen Ausreden geht bei mir die Kauflust verloren.

„Aus Sammlungsauflösung“
Alles muss raus, die guten Stücke hab ich auch so schon wegbekommen. Jetzt geht’s an die Restbestände.

„Alles dabei, wie ich es gekauft habe“
Oder: Mir ist nicht aufgefallen, dass die Hälfte fehlt, dann wirst du es auch nicht merken.

„Laut Vorbesitzer wurde kürzlich eine Revision gemacht“
Wann, bei wem und was? Wird gerne kombiniert mit „Revisionsbeleg ist beim letzten Umzug verloren gegangen“. Nix schriftlich – nix revidiert.

„Höchstens 10-12 mal getragen“
Aha, Strichliste gemacht? (wer nicht!). Ein bis zweimal kann ich mir merken, aber alles über 6-7 wird extrem unglaubwürdig und ist durch das Wort „häufig“ zu ersetzen.

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„Daily Rocker“
Damit wurden schon Nägel in die Wand gekloppt, Kinder entbunden und die Wüste durchquert. Und die Reste von allem finden sich zwischen den Armbandgliedern. Trotzdem: Ehrliche Aussage.

„Uhr wurde gerne getragen“
Die Vorstufe zum „Daily Rocker“ – nur „Kind entbunden“ entfällt.

„Wunderschön patiniertes Zifferblatt“
Wer Rost und Wasserschäden mag, der sollte hier zuschlagen. Wobei sich Zifferblätter durch das Alter durchaus verfärben können und damit zu begehrten Sammelobjekten werden. Aber Schäden sind halt keine Patina.

„Keine tiefen Kratzer oder Macken“
Also nix tiefer als zwei Zentimeter. Dafür aber umso mehr. Wird auch gerne kombiniert mit „normale Gebrauchsspuren“.

„Nichts, was sich nicht rauspolieren lässt“
Dafür hat der Papa ja die Flex im Keller. Was heißt eigentlich „polieren“? Mikrofasertuch? Dremel? Fräse? Ruhig mal nachfragen, besser noch: nachschauen.

„ Nur Desk Diving Spuren“
Wenn der Bürohengst unbedingt einen „Taucher“ braucht, hinterlässt die Schreibtischauflage Kampfspuren an der Schließe. Und die sind wirklich nicht zu vermeiden.

„Glas und Zifferblatt in neuwertigem Zustand“
Müssen Sie also da schon mal nicht draufschauen, auf den Rest (Gehäuse, Band) umso mehr.

„Leichte Bandwechselspuren“
Will sagen: Mit der Feinmotorik hab ich es nicht so, bin aber zu geizig den Bandwechsel von einem Fachmann machen zu lassen. Kostenlos on top: „Sieht man ja beim Tragen nicht.“

„Band mit Originalschließe“
Hört sich klasse an, aber: Die Schließe ist also original. Und was ist mit dem Band?

„Band ist aftermarket“
Also nachträglich, von einem anderen (meist Noname) Hersteller dazugekauft.

Rolex Sub schwarz Zerti

„LC100“
Länder-Code 100 (meist bei Rolex) = Uhr wurde nach Deutschland ausgeliefert und dort verkauft = Ich hätte gerne für nix und wieder nix 10% Preisaufschlag.

„Papiere ohne Namenseintrag“
Kein Problem, wenn damit der fehlende Namenseintrag des Käufers gemeint ist. Sollte allerdings der Eintrag des Händlers fehlen ist es ein wertloses Stück Papier / Plastik.

„Original Leuchtmasse“
Das freut den Vintage-Fan, heißt aber auch bei älteren Uhren: zappenduster.

„Von privat. Keine Garantie oder Rücknahme“
Kein Problem, wenn die Ware ankommt wie beschrieben. Doch auch private Verkäufer stehen für die Richtigkeit der gemachten Angaben gerade. Wenn’s nicht stimmt heißt das auch: zurücknehmen.

„Mit Box und Papieren“
Sie vermissen in dieser Aussage zweimal das Wörtchen „original“? Ich auch. Denn das kleine Werbeheftchen sind auch Papiere, und die Box kann auch eine Schuhschachtel sein.

„Erstbesitzer“
Na das sagt ja mal viel über den Zustand der Uhr aus. Auch ein Erstbesitzer macht Kratzer und verwandelt das Lederband in einen DNA-Schwamm.

„Uhr passt an normales Handgelenk“
Auch Handgelenke kann man messen. Meist fehlen dann auch die restlichen Bandglieder, die oft nur teuer nachzukaufen sind. Bestehen Sie auf exakte Angaben wie: für 19 cm Armumfang.

„Echtheit wird von mir garantiert“
Ich glaube diesen Satz aus dem Munde der Herren Stern oder Biver. Sollten die Worte nicht von einem wirklichen Verantwortlichen kommen – Vorsicht. Selbst Uhrmacher sind schon auf sehr gute Fakes reingefallen.

„Ich kann die Echtheit der Uhr als Laie nicht beurteilen“
Lässt sich übersetzen mit „Wenn ich ehrlicherweise „Fake“ hinschreibe, wird das Angebot aus ebay entfernt“.

„…und damit die Billigste im ganzen Netz“
Zumindest wenn man das World Wide Web auf chrono24 und ebay beschränkt. Vergleichen macht schlau.

„Mit garantierter Wertsteigerung“
Und auch sonst lese ich Ihnen gerne die Zukunft aus meiner Glaskugel.

„Einmalige Preisanpassung“
Danach wird’s maximal noch zweimal billiger. Aber maximal…schwööör.

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„Sorry für die schlechten Fotos, bin halt kein Fotograf“
Scharfe Selfies aber verschwommene Uhren? Jeder Depp kann mit einem Smartphone aussagekräftige Bilder machen. Wenn er will – und ehrlich ist.

„Kratzer auf den Fotos sind meistens Fussel oder Fingerabdrücke“
Dann sollte das Geld mit dem Sie bezahlen meistens echt sein und die Summe ungefähr stimmen.

„Ich verkaufe, weil ein neues Projekt ins Haus steht“
Meine Freundin ist schwanger und das Geld wird für einen Kombi gebraucht.

„Ich muss nicht verkaufen“
Sorry, dann lass es.

Mmmm… was mir jetzt auffällt ist, dass auch ich die ein oder andere Formulierung schon benutzt habe. Aber ich schrieb es eingangs: Es zählt was ein Dritter daraus liest, nicht was ich meine. Also nicht alles glauben (außer bei mir…meistens) und wenn nötig: hinterfragen, eventuell genauere Bilder anfordern von Details, die Ihnen wichtig sind.

Lassen Sie sich vor der Überweisung einer größeren Summe auf Treu und Glauben, ruhig einmal einen Identitätsnachweis (Foto Perso Vorder/Rück) zusenden. Wenn das schon verweigert wird – na dann muss ich Ihnen nicht mehr viel dazu sagen.

Ansonsten gilt (jetzt alle im Chor): „Buy the seller“.

Sie kennen ähnliche Formulierungen? Dann her damit ins unten stehende Kommentarfeld.

 

9 Comments

  1. Axel R. sagt:

    Weitere Aussagen:
    „Uhr wurde nur selten getragen“ – sagt überhaupt nichts über Zustand aus
    „Ich kenne den Vorbesitzer schon lange“ – insbesondere bei Uhren ohne Papiere (wer es glaubt) – bei einer Nachfrage meinerseits war es ein befreundeter Händler der Vorbesitzer

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  2. Frank sagt:

    Wenn der Verkäufer die Uhr kurz zuvor selbst erworben hat und dann wieder verkauft, schwingt für mich bei Aussagen wie „der Funke will nicht überspringen“ oder „irgendwie werd ich mit ihr nicht warm“ der Unterton mit, dass mit der Uhr eventuell irgendwas faul ist und man sie schleunigst weiterschieben will (wobei die Aussage ja durchaus wahr sein kann, wenn man die Uhr nie in natura gesehen hat und sie in der Realität dann nicht den Erwartugen entspricht). Wie gehabt: buy the seller.

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  3. Peter sagt:

    Genial, alles auf den Punkt gebracht😂.
    Aber genau so ist es!

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  4. Der Uhrmacher hat angegeben das ein Service nicht notwendig ist im Moment
    das freut mich aber sehr, vor allem weil ich meine Uhren, für den Moment kaufe

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  5. Thomas sagt:

    Hervorragend die Begriffe definiert Herr Strohm und das trifft aber sowas von zu !!!
    Ich erlebe das leider des öffteren bei gebrauchten Uhren die ich mir gerne kaufen möchte, das der Verkäufer leider die Begriffe komischerweise anders interpretiert und ich dann sehr enttäuscht bin wenn ich mir die Uhr dann in Natura ansehe.
    Bei meinen Verkäufen sage/schreibe ich ganz klar was Sache ist und alle Käufer waren positiv überrascht das die Uhr auch tatsächlich den Fotos entsprach.
    Daher ist meine Devise, IMMER EHRLICH SEIN, dann ist auch keiner enttäuscht.

    Gefällt 1 Person

  6. Daniel sagt:

    Die allseits beliebten „Erbstücke“ fehlen mir hier noch. Das diese weder Papiere noch Boxen oder ähnliches haben ist klar, die haben Vaddi, Ünkel und dem sein Schwager alle mit in die Kiste genommen. Aber da kann der geneigte Uhrenfreund jetzt einen schönen China-Böller erwERBEN.

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  7. Jörg Weinkauf sagt:

    Na, was fehlt ist der berühmte „Dachbodenfund beim Ausräumen von Omas Häuschen“. Heißt „Ich will euch glauben machen das ist ein Schnäppchen von einem der keine Ahnung hat was er da hat. Kauft es schnell! Ob sie echt ist müsst Ihr meinen Opa fragen – der ist leider von 6 Jahrten gestorben.“

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