„Nur zweimal getragen“ ist meist einmal gelogen.


rolex-explorer-2wd-3Es hat fast zwei Jahre gedauert, aber endlich habe ich es wieder geschafft: Ich bin auf die Aussage „Neuwertig, sehr wenig getragen“ in Kombination mit kleinen, unscharfen Uhrenfotos reingefallen. Vielleicht wurde die Uhr wirklich sehr wenig getragen – bei dieser Gelegenheit aber dazu benutzt, Nägel mit den Flanken in die Wand zu kloppen. Tja, für manche Verkäufer liegt „Safe Queen“ und „Daily Rocker“ so eng beieinander, da passt nicht einmal das Echtheitszertifikat dazwischen. Sollte ihnen das passieren und die wutendbrannt-telefonische Reklamation stößt nur auf ein: „Ihr Pech! Privatverkauf ohne Garantie und Rücknahme“, dann nicht verzagen: Wer bei der Warenbeschreibung die Unwahrheit sagt, der MUSS zurücknehmen, egal ob privat oder einfach nur Idiot.

Wie können also beide Seiten dem Ärger beim An- und Verkauf einer Uhr entgehen? Sie kennen die fast humorigen Textpassagen in Reiseprospekten? Das familiäre Hotel in Strandnähe? Oder das „stets bemüht“ in deutschen Arbeitszeugnissen? Mit derselben Skepsis sollten Sie an die Beschreibungen des Online-Schnäppchens rangehen.

„Wie soll ich das denn bewerten?“

Für den einen bedeutet „sehr guter gebrauchter Zustand“: sehr gut, für den anderen: sehr gebraucht. Was’n nu? Abhilfe schaffen (angeblich) Bewertungsskalen nach Schulnoten oder von 1 bis 10. Gerne genommen werden auch Prozentangaben: „Gehäuse 90%“. Alle Kriterien sind subjektiv, ausnahmslos alle. Böse gemeint sind die wenigsten, wirklich verbindlich keine. Nur um ein paar Beispiele zu zeigen und um die Seiten zu füllen, hier eine Auswahl an Bewertungsrichtlinien.

Dabei werden die Noten für Gehäuse, Armband, Zifferblatt und Werk separat angegeben. Allgemein haben die (Schul)Noten folgende Bedeutung: (Quelle: ranfft.de)

0: Neuzustand; allenfalls altersgemäße Verfärbungen, die chemisch entfernt werden können oder Montagespuren, wie sie entsprechend dem Alter der Uhr selbst bei sorgfältigster Wartung entstehen. Auch feinste Kratzer, wie sie bereits nach kurzem Gebrauch entstehen, führen nicht zur Abwertung.

1: Sehr guter Zustand; nur geringfügige oder leicht zu beseitigende Mängel wie sie selbst bei sorgfältiger Nutzung, Lagerung und Wartung entstehen.

2: Guter Zustand; leicht störende Mängel wie tiefere Kratzer, kleine Beulen, Nutzungs- und Montagespuren, wie sie leider bei üblicher Wartung entstehen.

3: Befriedigender Zustand; deutliche Mängel, deren Beseitigung jedoch mit vertretbarem Aufwand möglich ist oder die das Erscheinungsbild nicht erheblich beeinträchtigen.

4: Mäßiger Zustand; größere nur schwer zu behebende Schäden oder unsachgemäße Reparaturen. Man muss eine solche Uhr schon lieben, wenn sie in allen Teilen diese Note erhält.

5: Schlechter Zustand; genau genommen Schrott. Dennoch ist eine Breguet-Uhr der Note 5 u.U. attraktiver als eine einfache Armbanduhr der Note 0.

In umgekehrter Reihenfolge bewertet die 10er-Skala:

10: neu, verklebt, versiegelt, komplettes Zubehör

9: ungetragen, ggf. Lagerspuren, Dekorationsspuren

8: leichte Gebrauchsspuren, Uhr selten getragen

7: getragen und unpoliert

6: dem Alter entsprechend beansprucht

5: dem Alter entsprechend sehr beansprucht

4: schlechter Zustand, eine Revision/Reparatur in absehbarer Zeit notwendig

3: sehr schlechter Zustand, Revision/Reparatur notwendig

2: eingeschränkt funktionsfähig, Revision/Reparatur mit erhöhtem Teileaustausch

1: irreparable Schäden, nicht funktionsfähig: Schrott

Gekauft wie gesehen!

Es gibt nur eine absolut objektive Bewertungsmöglichkeit, die auch Ihren Ansprüchen gerecht wird: Sie schauen sich die Uhr persönlich an. Sie müssen kein Fachmann sein, kein Werk begutachten. Bei der Mechanik sind Sie rechtlich auf der sicheren Seite: Auch ein Privatverkäufer darf Ihnen keinen Defekt verschweigen und muss alle Informationen wahrheitsgemäß und nach bestem Wissen mit Ihnen teilen. Das Äußere können Sie sehr wohl beurteilen, hier gilt: Gekauft wie gesehen.

Und wieder werde ich etwas haarspaltend: persönlich gesehen heißt nicht selber Fotos angucken. Was lernen wir bei jeder Playboy-Ausgabe auf’s Neue? Nicht Wassertrinken und gute Gene verhelfen zur begehrenswerten Schönheit, sondern Photoshop! Für alle Frühgeborenen: die Bild-Retusche.

Und was gilt für die Fotos von Playmates und Herrenuhren gleichermaßen? Richtig: Unscharf macht unsexy. Verschwommene Bilder einer 100.000 Euro Uhr damit zu begründen, dass man kein Geld für eine richtige Knipse hat – da beginnt bei mir die gesunde Skepsis. Privaten Uhrenbestand mithilfe von im Internet geklauten Hersteller-Fotos zu verkaufen ist nicht nur strafbar, sondern ein absolutes Ausschluss-Kriterium.

Merke: Unterbelichteten Bildern und unterbelichteten Verkäufern sollte man aus dem Weg gehen. 

1 Comment

  1. Thomas sagt:

    Genau diese Sache wäre mir auch beinahe passiert, das der Verkäufer eine andere Wahrnehmung zwischen Neuwertig und „So gut wie neu“ anscheinend nicht auseinander halten konnte. Gottseidank habe ich immer mehr bessere Fotos gefordert und da war dann vieles klar, das ich eine andere Vorstellung habe, wie eine neuwertige gepflegte Uhr aussehen muss. Dadurch blieb mir morgen eine lange Autofahrt von über 500km erspart und viel Ärger,

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: