Zwischen gut gemeint und gut gemacht liegt ein himmelweiter Unterschied. Bei ebay nicht zum ersten Mal. Auch wenn die Verkaufsplattform angeblich die wichtigste Frage beantwortet (Ist die Uhr echt?“) so wirft sie mit ihrem Vorgehen jede Menge Fragen auf („Wie prüfen die das…?“)
Anfang November startete ebay die große vertrauensbildende Marketingmaßnahme „Echtheitsprüfung“ und zwar bezogen auf hochwertige Uhren, die über die Plattform verkauft werden. Mit erheblichem Werbeaufwand wird der neue Service unter das uhrenbegeisterte Volk gebracht. Emotionale Videos vom schönsten Tag im Leben eines Uhrmachers, bis hin zu bezahlter PR in der Fachpresse und den Onlinemedien. Seit Monaten bereits von den Uhrenherstellern als heilige Kuh durchs Dorf und die Niederlassungen getrieben, hat nun „Certified Pre-Owned“, also zertifizierte Gebrauchtware, auch bei ebay einen Platz in der Verkaufsspalte luxuriöser Zeitmesser.
Uhren mit dem Standort Deutschland, die einen Verkaufspreis von über 1.800,- Euro aufrufen oder erzielen, wird eine „Professionelle Echtheitsprüfung“ aufs Auge und das Werk gedrückt. Inklusive NFC-fähiger Garantiekarte. Dafür arbeitet ebay mit „Stoll & Co“ zusammen.
„Etablierte Uhrmacher*innen überprüfen Dutzende von festgelegten Prüfpunkten, vom Gehäuse über das Zifferblatt bis zum Uhrwerk. Dafür arbeiten wir mit dem 1982 gegründeten Unternehmen Stoll & Co. zusammen, das zu den weltweit führenden Unternehmen seiner Branche gehört.“
Soweit das Versprechen.
Bis hierhin: Klasse! Tolle Initiative, die sowohl dem Verkäufer als auch dem Käufer die Sicherheit gibt, einwandfreie Ware für gutes Geld zu erhalten. Und jetzt kommt das Beste: Der Service ist für beide Seiten kostenlos! „Leck mich die Söck“ würde Horst Lichter ausrufen und alle seine Experten in den Ruhestand schicken. Diese große Vertrauensinitiative wurde notwendig, weil immer mehr Käufer von hochwertigen Uhren lieber die Vermittlungsdienste von spezialisierten Plattformen wie chrono24 annahmen, weil dort der Treuhandservice zumindest das Ersparte vor Totalverlust durch Versandverweigerung oder Billig-Fakes absichert.
Die Antwort kam eher zufällig in Form einer Sendebestätigung von UPS. Meine Uhr wurde vom Händler an die „Clinton MM“ nach Hoppegarten gesendet. Potzblitz! Wohin hat denn der Händler die wertvolle Fracht kuriert? Hoppegarten, Clinton…soll sie doch zu Stoll & Consorten. Die Verwirrung war komplett, als am nächsten Tag eine weitere Benachrichtigung von UPS in meinem Postfach landet:
Genauso erweckt man die Neugier von Herrn Strohm, dem nun der Sinn nach einer ausgiebigen Recherche stand. Ich erinnere: Uhr geht zur Prüfung an Stoll. So die Info von ebay. Wer war nun „Clinton MM“?
Die Suchbegriffe Clinton und Dahlwitz-Hoppegarten erbrachten einen Treffen in Form der „Clinton Großhandels-GmbH“, einem „Familiengeführten, modernen Modeunternehmen“, zu dem Marken wie „Camp David“ gehören. Mein Gott, Dieter Bohlen prüft meine Uhr? Liest man sich in die Website des Unternehmens ein, erfährt man auch vom eigenen Logistik-Unternehmen, das anscheinend auch Fremdaufträge annimmt.
Getreu dem Motto: „Wenn mans nicht erklären kann, ruft man bei der Firma an“, griff ich zum Telefon und rief mal bei Clinton an. Der verwunderten Dame in der Zentrale schilderte ich mein Begehr, nämlich Aufklärung, warum meine Uhr in dem Textilgroßhandel gelandet ist. Nach einem „Hier ist nix angekommen“ und „Wir haben hier nix rausgeschickt“ wollte ich nun genauer wissen, wer denn im Hause nun für ebay zuständig sei. Zögern, Stille und die Bitte um etwas Geduld, ich solle in der Leitung bleiben. Es vergingen einige Minuten, bis die nette Dame mir eine Telefonnummer gab, ich soll doch mal dort anrufen, das wäre „ebay direkt“. So viel sei verraten, ebay direkt ist eine Handynummer. Gewählt, gewartet und begrüßt mit einem männlichen und sehr kurz angebundenen „Hallo…“
Meine Frage, wer denn am anderen Ende der Leitung sei wurde mit einem „Was wollen Sie denn?“ beantwortet. Ich schilderte mein Anliegen und meine Verwirrung, dass meine Uhr nach und von Clinton versendet wurde und eine Echtheitsprüfung bei einem Textilgroßhandel durchgeführt wurde.
„Alles ok, hier ist nur das Logistikzentrum“
Ja und was ist mit der Firma Stoll? Daraufhin die noch kürzer angebundene Auskunft, Stoll mache die Prüfung und es wäre alles richtig so. Herzlichen Dank und auf Wiederhören.
Dann fragen wir doch mal bei ebay nach. Was so einfach nicht geht, denn man muss erst einmal per Formular eine Frage stellen und wird dann zurückgerufen. Das klappte allerdings innerhalb von Minuten. Ich erklärte der sehr freundlichen (ernst gemeint!!) Dame meine Verwirrung, dass meine Uhr zur Prüfung an einen Textiler gesendet wurde, an eine Adresse, die ich nirgendwo finden kann. Meine Verwirrung musste ansteckend sein, denn der erste Antwortversuch lautete, dass bei Clinton die Echtheitsprüfung gemacht wird. Auf Rückfrage bezüglich Stoll änderte sie die Aussage, dass es doch Stoll sei. Zeitgleich bekam ich die Info, dass eine Überprüfung stattgefunden hat, die Echtheit meines Kaufes bestätigt und die Uhr schon auf dem Weg zu mir zurück sei. Also alles gut! Die letzte Frage, ob denn nun Stoll bei Clinton zur Untermiete einquartiert sei, konnte sie nicht beantworten.
Machen wir mal so, als glauben wir an das Gute im Menschen und in ebay. Dann hieße das, dass sich die im Video gezeigten Uhrmachermeister bei einem Logistikzentrum in Hoppegarten eingemietet haben, um – die schnellen Versandwege nutzend – meine und Ihre ebay-Schnäppchen auf Echtheit zu überprüfen. Warum sagt man das nicht? Warum reden fast alle unfreundlich drumherum?
Und wie sieht denn nun die Echtheitsprüfung konkret aus?
Punkt 1: Die Zeit.
Lassen Sie uns vorab rechnen. Wenn ich den Filter bei ebay benutze, der mir nur alle Uhren mit Echtheitsprüfung anzeigt, dann komme ich an einem normalen Wochentag auf ca. 30-40 Uhren. An einem Sonntag ist es leicht das Doppelte. Ich habe meine Uhr sonntags gekauft und mit PayPal bezahlt. Montags wurde versendet, dienstags in Hoppegarten.
Dann lieferten UPS & Co wohl 60-80 Uhren an diesem Dienstag an. Die dann alle auf Dutzende von Prüfpunkten gecheckt werden, heißt also auch geöffnet, überprüft, bewertet, mit den Angebotsdaten verglichen…inkl. Karte erstellen etc…
Ich frage mich gerade, wie viele „etablierte Uhrmacher*innen“ wohl in Hoppegarten sitzen müssen, damit meine Uhr bereits 2:40 Stunden nach der Ankunft wieder geprüft das Haus verlassen durfte.
Sie erinnern sich an das Video: „Uhrmachermeister Uwe hat einmal 10 Stunden lang eine einzige Uhr geprüft…“
Punkt 2: Die Echtheit
Stellt sich erst einmal die Frage, was ebay unter „echt“ versteht. Und hier ließe sich schon trefflich streiten. Denn der Sammler wird wohl erbost die wertvolle Vintage-Uhr zurückweisen, sollte in dieser nachträglich fremde Teile verbaut worden sein. Für ebay wäre dies hingegen kein Grund, die Uhr als „unecht“ zurückzuweisen, denn in den Nutzungsbedingungen steht geschrieben:
Uhren dürfen reparierte Nachrüstteile oder nachträglich eingebaute Teile enthalten.
Punkt 3: Die Technik
Mich würde zuerst einmal interessieren, welches denn nun die hier so oft zitierten „Dutzende Prüfungspunkte“ sind. Warum gib es dazu keine Liste, keine Transparenz? Das würde doch auch potenzielle Fake-Verkäufer bereits vom Anbieten bei ebay abschrecken. Werden die Werke nur auf Sicht überprüft (War drin: ja / nein) oder auf Echtheit und Funktion? Wie sieht es aus mit einer Taucheruhr? Werden nach der Öffnung die Dichtungen erneuert und die Dichtheit wieder hergestellt?
Und die große Frage: Wer hat wirklich die Kompetenz eine 1967er Omega Speedmaster auf deren Authentizität zu prüfen?
Von der Echtheitskontrolle der mitgelieferten Papiere, der Box und dem Zubehör ganz zu schweigen. Ich muss ebay beglückwünschen, denn es ist dem Unternehmen anscheinend gelungen, in kürzester Zeit die Creme de la Creme der Uhrmacherei in Hoppegarten zu versammeln. Wo doch große Hersteller händeringend und monatelang jedem einzelnen Uhrmacher*in für eine Festanstellung hinterherrennen.
Punkt 4: Das Rechtliche
Nun hat es die Uhr geschafft. Sie wurde überprüft und für echt befunden. Inklusive NFC-Zertifikat. Damit ist sie für alle Welt „echt“ und in manchen Fällen um einiges im Wert gestiegen. Alle sind glücklich…und ein paar kommen auf eigenartige Ideen…
…die da lauten: Aus Fake mach echt. Wir alle wissen, dass heutige Luxusuhren-Fakes von erschreckend hoher Qualität sind und es nur noch Eingeweihten aus dem Kreise der Hersteller möglich ist, echt von falsch zu unterscheiden. Da ist der Anreiz groß, einen hervorragenden 800,- Euro Fake einer Daytona (inkl. aller Papiere) mal durch die Echtheitsprüfung laufen zu lassen, damit durch das Zertifikat daraus eine „echte“ Rolex im Marktwert von 25.000,- Euro wird, die ich an Ahnungslose verkaufe. A verkauft an Kumpel B, Uhr erhält Zertifiakt und A oder B verkaufen die Uhr weiter an jenen Ahnungslosen „mit Echtheitsnachweis!“
Und was ist, wenn der ebay-Prüfer unsicher ist, ob der vermeintlichen Fälschung auf seinem Tisch? Ablehnen? Zu Rolex schicken?
Lehnt er ab, wird er vom Verkäufer (vielleicht einem renommierten Juwelier) eine Verleumdungsanzeige an den Hals bekommen, üble Nachrede, Rufschädigung…
Denn der Käufer bekommt folgende Nachricht:
„Ihr Artikel ist bei unserem Partner für die Echtheitsprüfung eingetroffen, hat die Prüfung aber leider nicht bestanden. Artikel, die über die Echtheitsgarantie abgesichert sind, werden nach den höchsten Standards beurteilt. Wir können diese Artikel aus verschiedenen Gründen ablehnen, z.B. wenn die Verpackung beschädigt ist oder Zubehör fehlt, wenn der Artikel nicht der Beschreibung entspricht oder die Echtheit nicht bestätigt werden kann.“
(Woher ich den Text kenne? Ich habe vergangene Woche genau diese Mail erhalten, doch dazu gleich mehr.)
„Hoppala“, schreit der Kunde, „Betrüger und Halunken!“ Und verbreitet die Nachricht der von ebay bestätigten „Fälschung“ direkt einmal im sozialen Netz. Der gute Ruf des Juweliers ist dahin. Und das Dumme daran, er kann sich nicht einmal wehren.
Wie das von mir gerade genannte Beispiel zeigt. Eine von mir gekaufte Vintage-Omega wurde von ebay abgelehnt, ohne Begründung. Ich selbst habe auch keine Möglichkeit nachzufragen, welche Unstimmigkeit jetzt zum Verwehren des Zertifikates geführt hat. Auch der Verkäufer bekommt nur ein pauschales Schreiben, dass seine Ware als nicht echt erkannt wurde und damit automatisch und sofort die Rückabwicklung des Verkaufes in die Wege geleitet wurde: Uhr an Verkäufer, Geld an Käufer.
Am selben Tag erhielt ich die verzweifelte Mail des Verkäufers, der mir versicherte, dass die Uhr vorher eingehend geprüft wurde und ebay ihm erst nach mehrfacher Rückfrage die Prognose „läuft nicht“ gegeben hat. Ich bat ihn, mir weiter zu berichten. Das tat er auch mit folgenden Infos, die ich ungeprüft lassen muss:
- ebay weigerte sich, die Uhr voll versichert zurückzusenden.
- Der Verkäufer hat dann selbst einen Wertversand beauftragt, die Uhr abzuholen.
- Uhr kam zurück und war voll funktionsfähig, auch der Uhrmacher konnte keinen Fehler feststellen.
Auch mir als Käufer gegenüber war ebay nicht bereit, die Gründe für eine Ablehnung zu nennen. Transparenz geht anders.
Auch hier möchte ich wieder rechnen: Was kostet ein „Uhrmachermeister Uwe“ denn so in der Stunde? 40-50,- Euro? Ich schätze eher mehr. Da prüft er so seine Dutzenden Punkte plus Logistikzeit, Erstellung eines Zertifikates plus Versandkosten. Da kommt bei gewissenhafter Arbeit schnell mal ein Hunni zusammen. Geschenkt von ebay…?
Ich frage mich, wann die Keule geflogen kommt, denn wie steht schon in den AGB:
„eBay behält sich jedoch das Recht vor, (mit Wirkung für zukünftige Käufe) jederzeit nach eigenem Ermessen Gebühren oder sonstige Kosten im Zusammenhang mit den Prüf- und Authentifizierungsdiensten einzuführen…“
Sind wir also einmal gespannt, wie lange das mit der „kostenlosen Echtheitsprüfung“ noch so weiterläuft. Bis Käufer und Verkäufer zur Kasse gebeten werden? Bis zum ersten Mal ein Fake als echt zertifiziert wurde? Bis Uhrmachermeister Uwe vor Überarbeitung gekündigt hat?
Um es noch einmal deutlich zu sagen: Ich unterstelle ebay weder böse Absichten noch gewollt fehlerhafte Angaben in jedweder Hinsicht. Ich unterstelle dem Unternehmen nur absolute Intransparenz und mangelnde Kundeninformation. Bezeichnend ist doch alleine „Uhrmachermeister Uwe“ – der Herr Kaiser der Haute Horlogerie, Werbefigur, Schauspieler…oder doch vielleicht echt?
Ich würde mich diesbezüglich sehr über Aufklärung und Antworten von Seiten des Online-Riesen freuen. Vielleicht kommt ja was…
Haben Sie bereits Erfahrung mit der Echtheitsprüfung gemacht? Dann her damit in die Kommentarspalte.
