Man sieht es mir nicht immer an, aber ich liebe Männer-Mode-Magazine. Und ich habe sie alle, seit Jahren, im Abo. Also genau die eine, die es in Deutschland noch gibt: Die GQ (sprich: Dschieh-Kjuuh), Gentlement’s Quarterly, die dem Namen widersprüchlich, jeden Monat in meinem Briefkasten landet. Dank Chefredakteur Tom Junkersdorf und seinem Team erfahre ich regelmäßig, wie ich mich zu kleiden, zu rasieren, mein Einstecktuch zu falten und an welchen Hotspots in welchen Hotels neben welchem Restaurant ich zu nächtigen habe.
Damit auch die Nichtleser der GQ wissen wovon ich rede, hier eine kleine Bildauswahl der Septemberausgabe, dank derer ich weiß, wohin sich die neue Business-Mode entwickelt: etwa zu Großvaters Pullunder über Onkel Werners abgelegtem Hemd in Papas Bundfaltenhose. Ein Trend, den ich fast verpasst hätte. Oder wären Sie von alleine darauf gekommen, dass man jetzt den Strickpullover auf links gedreht ÜBER dem Wintermantel trägt?
Sehen Sie, was wäre ich ohne dieses Magazin? Antwort: Besser gelaunt. Warum? Antwort: Weil es in dieser Ausgabe auch die übliche Bilderstrecke über unser aller Lieblingsthema gibt: Uhren. Eins vorab, bevor ich mich in Rage rede: Das regelmäßige Supplement der GQ zum Thema Uhren ist mit Abstand das beste Printprodukt auf dem deutschen Markt. Informativ, gut recherchiert und noch besser umgesetzt.
In der aktuellen Ausgabe rückt die Redaktion „Uhrenmarken“ in den Fokus, die ihren Ursprung nicht in den tiefen Tälern der Schweiz, des Erzgebirges oder des Schwarzwaldes haben, sondern in den Modemetropolen dieser Welt. Zeitmesser, deren Zifferblätter sich mit den großen Namen der Haute Couture und nicht der Haute Horlogerie schmücken. Geboren in den Schneiderwerkstätten von Paris und Mailand.
Nun ist dem Uhrenfreund durchaus bewusst, dass Modemarke und Uhrmacherkunst in einigen Fällen Hand in Hand über die Laufstege der Welt flanieren: Chanel, Gucci, Hèrmes und auch Louis Vuitton füllen gut gestaltete Gehäuse teilweise mit edlen Manufakturwerken – seit Jahrzehnten geübt und zur großen Kunst entwickelt. Die links auf der Doppelseite gezeigte „Dolce & Gabbana“ umhüllt ein modifiziertes ETA-Werk mit massivem und ziseliertem Gold. Bleibt die Frage, ob und wem das knapp 20.000,- Euro wert ist. Direkt daneben und ungewohnt bescheiden eine Automatik von Emporio Armani, genauer gesagt von Fossil FÜR Armani. Feinster Name, vergoldet und das für 1.645,- Euro – kann man nix sagen.
An den Preisen ist erkennbar, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen „Modeuhren“ und Uhren von Modemarken (wie die hier gezeigten) gibt. Modeuhren sind für mich Zeitmesser aus Häusern wie „Daniel Wellington“ oder „Paul Hewitt“. In der Preisklasse so um die 130,- Euro, trendig, unisex und quarzbetrieben. Ein modisches Accessoire, das auch nicht mehr sein will und maximal eine bis zwei Modesaisons und Batteriewechsel überlebt. Ist zwar nicht meins, aber damit kann ich (und Millionen von Käufern) sehr gut leben.
Die gute Nachricht für alle Fashionistas: Tom (der angesagte Designer) Ford hat seine erste Uhrenkollektion herausgebracht. Die schlechte Nachricht für Uhrenliebhaber: Tom (was denkt sich der Typ dabei) Ford hat was gelauncht, was er doch tatsächlich „Uhr“ nennt. Schwarz mattiertes und quarzbefeuertes Kaufhaus-Design an Durchzugs-Lederbändchen und Weißblech-Schließe. Außergewöhnlich alleine der Preis, den der gute Tom für das Rechteck aufruft: 3.390,- Euro. Respekt! Aber laut GQ wohl angemessen, denn sie findet, dass er die „Designphilosophie eines ultramodernen Luxus auf den Punkt bringt“. Bei einer Gewinnspanne von schätzungsweise 3.350,- Euro wird sich Herr Ford noch einigen Luxus leisten können. Die dutzendweise erhältlichen Durchzugsbänder zwischen 220,- und 620,- CHF kommen noch on top hinzu.
All dies zusammen bringt mich zu folgender Frage, gerichtet an Tom Ford und an die Redaktionen der Modezeitschriften, die bezahlt oder
unbezahlt die PR-Fotos und -Artikel über dieses Zeitmess-Dings abdrucken: „Ist das wirklich euer Ernst?“
Ich folge euch gerne, die Mode der Haute Couture nicht als Kleidung, sondern als Kunst anzusehen, für eine kleine Schar von Liebhabern, die feinstes Schneider-Handwerk für viel Geld schätzen und erwerben.
Doch die „Tom Ford 001“ (alleine der Name ist eine Drohung, dass da noch mehr kommt) wirkt in der Welt der Uhrmacherkunst wie ein billigstes Polyester-Hemd unter feinstem Kaschmirpullover: Völlig deplatziert und auch ungetragen leicht müffelnd.
Wer über die Uhren von Splendor oder den „Graf von Monte Wehro“ lacht, der sollte beim Anblick der „001“ anfangen zu weinen.
