Eine Breitling für 195,- DM

Ich möchte eine kleine Geschichte erzählen, an dessen Ende sich alle Leser*innen fragen werden: „Warum passiert mir so etwas nicht?“. Meine Antwort: „Keine Ahnung.“ Mein heutiger Beitrag handelt davon, wie ich zu einer Breitling für 195,- DM gekommen bin. Nein, nicht in der Siebzigern – so alt ist das gute Stück nämlich, sondern vor gar nicht all zu langer Zeit. Bevor Neid aufkommt – sie kostete mich ein wenig mehr als die genannten 195,- DM.

Auch für heutige Verhältnisse noch eine stattliche Erscheinung

Auf der Suche nach einem der immer seltener werdenden „Schnäppchen“, auch genannt die Nadel im Heuhaufen, bin ich auf eine Online-Auktion gestoßen, in der eine Breitling Datora angeboten wurde. Aus 1972 inkl. (Originaltext) „Schachtel und Zettel“. Die Bilder waren sogar für Amateurverhältnisse hundsmiserabel, das Modell war erkennbar, der Zustand nur zu erahnen. Der sei durchaus gut, stand im knappen Text, die Uhr wäre vor einiger Zeit „überholt“ worden – was immer das zu bedeuten hat. Ich nahm mir die Freiheit der direkten Kontaktaufnahme und bot eine mir angebracht erscheinende Summe Geldes für einen direkten Ankauf.
Nix geschah, bis ich wenige Tage später eine Meldung erhielt, die im vollen Wortlaut „Einverstanden!“ lautete. Womit einverstanden? Welches Angebot? Welche Uhr? Nach Kurzrecherche im Hirn und im Postfach erinnerte ich mich an die Breitling. Eine nette ältere Dame übermittelte mir Ihre Bankdaten und die Information, dass sie in das Paket „alles reinmacht, was sie glaubt, dass es zur Uhr gehört“. OK, schön, dann sind wir nun mal gespannt. Gezahlt und gewartet. Hin- und hergerissen zwischen Hoffen und Bangen.

Das Paket kam promt, gefüllt mit folgenden Einzelteilen: Eine Breitling Datora, Kaliber Val.7734, an deren Band und Gehäuse gefühlt noch das halbe Handgelenk des Vorbesitzers dranhing. Sehr unangenehm, ziemlich siffig. Die Informationen der älteren Dame, dass ihr Mann die Uhr „bis zuletzt“ getragen habe erzeugte Bilder im Kopf, die… ich hab’s verdrängt. Das Glas übelst verkratzt, da hatte Uhr und Ehemann wohl Bekanntschaft mit dem Rauputz gemacht. Dazu gab es:

  • Die Originalverpackung im besten Zustand.
  • Den Original Kaufbeleg
  • Die Bedienungsanleitung
  • Das originale Preisschildchen (die man ums Armband klemmen kann)
  • Einen Revisionsbeleg von Breitling aus Grenchen von 2005. Kosten: 805,00 Euro (!)

Das mit der „Überholung“ war somit auch geklärt, es handelte sich um eine komplette Revision im Mutterhaus. Na schön, frisch ans Werk: Neues Glas, neues Band, Gehäuse gereinigt. Und plötzlich lag da eine Uhr im Zustand 1-2 vor mir, das Gehäuse ohne Macken oder Kratzer. Geht doch – und damit meine ich Optik und Werk.

Das wirklich Interessante ist aber die Wertentwicklung der Uhr in den letzten fast 50 Jahren. Die UPE von 385,00 DM war wohl niemand bereit zu zahlen, schließlich war Quarz der Antrieb der Stunde und nicht so ein alberner Mechanik-Chronograph. Die Datora wurde also reduziert auf 195,- DM. Doch es sollte noch schlimmer, sprich billiger kommen. Auf dem Preisschild der Verpackung erkennt man sogar noch eine weitere Reduzierung auf nur noch 95,- DM. Das nenne ich mal einen ausgewachsenen Ladenhüter.
Aber Herr Schmidt aus Hagen (Postleitzahl 58!!) hat es dann doch am 04.11.1972 geschafft, die Breitling für 195,00 Mark an den Mann (oder seine Frau) zu bringen – das beweist der Beleg, der wie handschriftlich festgehalten auch als Garantie gilt. Man spürt den fehlenden Zauber des Moments, als Herr Schmidt wohl ein Stein vom Herzen fiel – und die Datora endlich aus den Büchern verschwand. Quittung, BEZAHLT-Stempel drauf und ein „Herzlichen Dank der Herr“ – kein Schaumwein und ChiChi der heutigen Tage. Häufig wurde sie wohl nicht getragen, so wie sie sich nach all den Jahren präsentiert. Vielleicht wurde sie noch im Jahr des Kaufes von einer modernen Quarzuhr am Handgelenk verdrängt und landete in der Nachttischschublade – bis zur Revision in 2005.

Baugleiche Uhren werden momentan in der Preisregion von um die 4.000,- Euro angeboten, in einem schlechteren Gesamtzustand und ohne Originalpapiere. Wenn ich richtig rechne eine Wertsteigerung von … in Prozent … drei im Sinn… macht – ziemlich viel.

Wie würde ein bekannter Außeririscher sagen: faszinierend!

P.S. Bitte fragen Sie nicht nach, die Uhr hat mich längst verlassen und wird auf irgend einer Auktion im Jahr 2043 für Millionen über den Tisch gehen, weil sie ja mal „dem Strohm“ gehört hat.

 

 

10 Comments

  1. herrlich…..ich liebe solche Geschichten, zumal sie tatsächlich und täglich irgendwo auf diesem Planeten real werden.

  2. Eine PERLE – ich liebe diese Geschichten …
    Herzlichen Glückwunsch zum guten Händchen! Die Kollegen von Rolex visualisieren das ja mit der 5-zackigen Krone. Für so viel gute Recherche und mein Kreisgrinsen vor dem Bildschirm würde ich mindestens 7 Zacken vergeben ;)))

  3. Othmar sagt:

    Ich freue mich für Sie! So eine schöne Anekdote! Wie aus „Bares für Rares“!
    Ich habe auch schon 2 Uhren bei Onlineversteigerungen erstanden. In good working condition! Eine habe ich weggeworfen und die andere um das doppelte ihres Einkaufspreises reparieren lassen. Jetzt ist sie fast so viel wert wie ich ausgegeben habe. Aber Sie haben wieder einmal bewiesen, dass Wunder noch wahr werden können. Wann ist die nächste Auktion?

  4. Jupp Schmitz sagt:

    Tolle Story- Gratulation zum Erwerb und guten Wiederverkauf

  5. Willy Neudecker sagt:

    Ehrlich gesagt klingt mir die Geschichte fast zu schön, um wahr zu sein und wenn doch, dann hätte ich sie als bekennender Uhrenexperte und „Zeitvertreiber“ nicht öffentlich erzählt, denn die alte Dame hat bei diesem Schnäppchenkauf in Unkenntnis des wahren Wertes der Uhr den finanziellen Nachteil zu tragen.

  6. Lutz sagt:

    Kenn ich, mit nerSpeedy aus 1982, die ich damals neu kaufte.
    Nach heutigen Massstäben (wie schreibt man das heute eigentlich korrekt?) spottbillig. Leider zu kurz bei mir. Wäre heute – denk besser nicht weiter.

    P.S.hattee ich das Buch über Uhren sammeln mal 40 Jahre früher gelesen.

  7. Aksel Oegel sagt:

    Herrlich, und bereust du den Verkauf „schon“?

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