„Da ist ja nur ein ETA 7750 drin…!“


Ja Himmel, Herrgott, Pest und Cholera – ein ETA! Nur ein „7750“! Reißt euch kollektiv die Uhren vom Arm, Frauen und Kinder zuerst. Und dann auf den Scheiterhaufen mit diesen Werken des Teufels, die von einem 7750 besessen und angetrieben werden. Zum Glück ist Übertreibung und Theatralik nicht meins, aber manchmal habe ich das Bedürfnis mich zu vergewissern, ob in deutschen Großstädten nicht schon die ersten PEG-ETA-Demos in Planung sind. Die Überschrift ist ja nur ein Halbsatz, der vollständig heißen muss: „Ich kaufe nur Uhren mit Manufakturwerk, aber da ist ja nur ein ETA 7750 drin“.

Sammlers Liebling: Die Tudor Big Block – schon immer von einem 7750 angetrieben.

Lassen Sie mich für alle ambitionierten Uhren-Neulinge erst einmal die Begrifflichkeiten klären. Bekannt oder zu erahnen ist, dass es sich bei einem „ETA 7750“ um ein Uhrwerk handelt. Dem Kenner auch als Valjoux 7750 – zärtlich mit Val.7750 abgekürzt. Obwohl für einige Puristen die 7750 das neue 666 ist, lassen wir mal diese reine Produktionszahl außen vor und nehmen Sie einfach mal so hin.
Hinter „ETA“ verbirgt sich die „ETA SA Manufacture Horlogère Suisse“ aus Grenchen in der schönen Schweiz, wo auch sonst. Seit einigen Jahrzehnen in Besitz der SWATCH Group, die in den Achtzigern bekanntlich die Schweizer Uhrenindustrie und damit die gesamte Welt gerettet hat. Vielleicht liegt da bereits das erste Pseudoargument für die Ablehnung eines Produktes diese horologisch so übermächtigen Konzerns. Kleine Manufaktur vs. Uhrengigant.

Rund 8.000 Menschen arbeiten an verschiedenen Standorten für die ETA SA (Foto: ETA SA)

Das hohe Tal

Im Jahre 1793 gegründet ist die ETA über die Jahrhunderte das Ergebnis aus Kooperationen und Zusammenschlüssen von Entwicklern und Einschalern und nimmt heute eine gerichtlich festgestellte marktbeherrschende Stellung im nicht ganz fairen Wettbewerb der Uhrenantriebsbauer ein. Weshalb sie (und damit die SWATCH Group) der Schweizer Staat dazu verdonnerte, auch weiterhin an die Wettbewerber – wenn auch immer eingeschränkter – Uhrwerke zu liefern. In der ETA aufgegangen ist die 1901 gegründete „Valjoux SA“, die wiederum Ihren Namen dem „Vallée de Joux“ verdankt. Dieses völlig abgeschlossene Hochtal im Schweizer Jura war im 18. Jahrhundert Heimstätte der Uhrenproduktion, die damals noch in Heimarbeit in verschneiten Wintern ausgeübt wurde.

Frisch ans Werk

Will heißen: wir wenden uns dem 7750 zu. Zu den Funktionen der Chronographen, die mit einem ETA Valjoux 7750 Automatikuhrwerk ausgestattet sind, gehören:

  • Datumsanzeige mit Wochentag und Schnellkorrektur auf der 3-Uhr-Position
  • 12-Stunden-Anzeige bei 6-Uhr
  • Kleine Sekunde bei der 9-Uhr-Position
  • 30-Minuten-Zähler unterhalb der 12-Uhr-Position
  • Zentraler Sekundenzeiger mit Sekundenstoppeinrichtung durch Nockenschaltwerk

Einfach ausgedrückt erkennt man ein verbautes 7750 häufig an der Lage der Totalisatoren auf der linken Seite des Gehäuses, gegenüber der Krone.

Nun gibt es nicht nur EIN 7750, sondern sogar drei Qualitätsstufen ab ETA – nicht zu verwechseln mit den Modifikationen und Veredelungen, die die Uhrenhersteller / Einschaler noch an dem Werk vornehmen. Bestellt werden kann das 7750 als Elaboré, Top und Chronomètre. Diese drei unterscheiden sich bei den Lagersteinen, der Spiralfeder, der Stoßsicherung und vor allem: Der Ganggenauigkeit. In der oben genannten Reihenfolge wären das: +-7, +-4 und +-2 Sekunden pro Tag. Sie merken, die Chronomètre-Klasse hat ihren Namen nicht umsonst.

Variationen zum Thema haben z.B. Mondphase (7751, 7758, 7768), Regattafunktion (7757) oder sogar Rattrapante (7770). Damit versehen wir das „nur ETA“ mit den Attributen: ausgereift, flexibel und ganggenau.

Übersicht des Aufbaus der 7750-Variationen (Quelle: ETA SA)

Bin ich denn schon drin?

Welche Marken verbauen denn nun die Massen an 7750er? Da möchte ich mal unterscheiden zwischen den bekennenden ETAisten und den Eigenkalibererfindern.  Man muss es ja nicht so plakativ machen wie einstmals Jörg Schauer auf meinen geliebten und seinen gleichnamigen Editionen, deren Zifferblatt stolz den Aufdruck „Valjoux 7750“ zierte. Aber wenn das Werk ohne großartige Finissierung verbaut wurde, sollte ich spätestens in der Bedienungsanleitung auch klar und deutliche ein „ETA 7750“ lesen können.

Vom Zifferblattaufbau erst einmal nicht direkt erkennbar, aber zum Glück steht’s ja drauf: ein Valjoux 7750.

Gegenteiliges machen die oben Zweitgenannten. Da bedarf es dann schon einiger Recherche um herauszufinden, dass das „Cal.Fanta Si-A 0815“ eine geborene ETA ist. Dürfen die das? Ja. Ist das schlimm? Nein. Denn die meisten Uhrenhersteller stecken viel zusätzliche Arbeit in das aus der Schweiz gelieferte Rohwerk. Wenn z.B. IWC in einer Portugieser ein 7750 verbaute, dann wurde die höchste Qualitätsstufe verwendet, das Werk komplett auseinandergebaut und ihm bei der Montage in wahrsten Sinne des Wortes der letzte Schliff verpasst. Das hat dann vor allem optisch nicht mehr viel mit dem Ausgangsprodukt zu tun. Profitiert aber von dessen beschriebenen Vorzügen und heißt dann halt Kaliber 79350.

Auch die Junghans Chronoscope mit ihrem J880.1 ist ein (Achtung, sensationeller Wortwitz) ETA-Halter. Genauso wie die Omega Speedmaster Date, die Sinn 103 oder einige Modelle der Breitling Navitimer. Um hier nur die hochpreisigeren Marken zu nennen. Wenn man bedenkt, dass Sie so ein einzelnes 7750 im Netz neu für zwischen 300 und 400 Euro bestellen können, bleibt dem Uhrenbauer noch ein wenig Schnitt an den edlen Zeitmessern

Klasse statt Masse?

Kommen wir nun zu den Manufakturen und ihren Werken, den Kronen der Schöpfungen, den Meisterwerken der Handarbeit (lat.: manus = Hand, facere = herstellen). Sie tragen Namen wie Rolex, Jaeger-LeCoultre, Audemars Piguet oder Patek Philippe. Sie sind nun die Heimstätten der wirklichen Manufakturwerke, auch wenn nicht jedes einzelne Teil von Hand gefertigt wird und auch nicht wirklich alles aus eigenem Hause stammt. In Forschung, Entwicklung und Design des Werkes werden oft mehrere Millionen gesteckt bevor „es läuft“ – technisch und vertrieblich. Die Hersteller liefern Innovationen und Complicationen und stehen somit meist zurecht an der Spitze der Sammlerwunschlisten.

Auch so was Selbstgemachtes.

Auch wenn bei genauem Hinsehen die ein oder andere Ungereimtheit ersichtlich wird. So verbaut Breitling seit Kurzem Manufakturwerke von Tudor und in den ersten Rolex Daytona steckte – in Ermangelung eines eigenen Werkes – ein Zenith El Primero. Da stellt sich die Frage: heißt Manufaktur auch immer inhouse? Viele Hersteller von Super-Sportwagen machen es ähnlich: Die edelsten Karosserien verkleiden Triebwerke aus den Regalen von BWM und Mercedes. Hier gilt allerdings der Gebrauch von Hochleistungs-Konfektion als Beweis für technische Überlegenheit, also nix mit „Da ist ja nur ein AMG 6,0 Liter V12 drin!“

Letzte Frage: Heißt Manufakturwerk auch immer extrem teuer? Zumindest diese Frage können Sie sich selbst beantworten, wenn Sie sich die Preise einer SEIKO Automatik anschauen. Eine tolle Uhr mit einem echten Manufakturwerk aus eigenem Hause – und das für knapp über 100,- Euro.
Abschließend möchte ich Ihnen noch einen ganz persönlichen Erfahrungswert mit auf den Weg geben: Ich hatte schon wirklich viele Uhren am Arm und auf dem Tisch. Präzise ETA 7750, die fast mit +-0 Sekunden am Tag laufen. Und auf der anderen Seite hochfeine Leckerbissen aus kleinen Manufakturen, Kleinstauflagen komplett von Hand gefertigt, die täglich fast eine Minute hinterherhinken.

Fazit: Die pauschale Abwertung eines ausgereiften und bei entsprechender Qualitätsstufe extrem genauen Dauerläufers wie dem ETA 7750 ist Blödsinn. Die Kombination aus Werk und allen anderen Uhrenkomponenten macht es aus – in Kombination mit dem Preis.

Und immer dran denken, auch die ETA SA ist eine „Manufactur Horlogère“ und baut damit „Manufaktur“werke!

9 Comments

  1. In meiner Speedmaster schlägt ein 7750 (oder 7751, so genau weiß ich das gar nicht) …. ich liebe diese Uhr, habe sie mir vor fast 20 Jahren hart vom Munde abgespart. Nicht jeder hat das nötige Kleingeld um sich sündhaft teure Uhren mit exclusiven Werken zuzulegen.
    Ich trage meine Uhr jeden Tag und erfreue mich daran, hin und wieder ein anderes Band um ein veränderte Optik zu haben und gut ist….

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  2. drjsimonis sagt:

    Btw wunderbarer Artikel zum Einstieg in das WE; informativ und wie immer sehr unterhaltsam, ohne oberlehrerhaft zu sein. So wie wir das von Herrn Strohm eben gewohnt sind. Danke hierfür.
    Vielleicht noch einmal ein Beispiel aus der Autobranche zur Veranschaulichung: Wiesmann. Das Auto reinste Manufaktur, absolut geil und alles aber der Motor stammt von BMW und ist leider auch so ziemlich das einzige, (außer dem Pioneer-Radio), was relativ zuverlässig funktioniert, weil man den Motor gerade nicht überarbeitet und „verbessert“ hat.
    Aber Schönheit muss nun mal leiden.
    Mir ist es persönlich für die Uhren, die ich Tag für Tag trage, recht wurscht, ob da ein 7750 in Standard, Top oder besonderer Firmenveredelung verbaut ist. Ich fahre ja auch nicht mit dem Sportwägelchen jeden Tag zur Arbeit. Aber den Hardcore Uhrenliebhaber freut es natürlich schon, wenn er weiß, dass im Banksafe z.B. eine Girard-Perregaux, also eine für saar-pfälzische Verhältnisse schon exotische Manufaktur-Uhr, lagert, die theoretisch getragen werden könnte, wenn der Weg zur Bank nicht so beschwerlich und die allfällige Revision nur nicht so sündhaft teuer wäre.

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  3. Antje sagt:

    Doof ist beim 7750 das die Uhren alle recht dick sind.
    Cool ist mit der 7765 Version gab es design Technisch einige der coolsten watches ever 😊 btw Saustarkes Perlrochenband Herr Bernhard 😍

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  4. Jörg Weinkauf sagt:

    Die 775x Werke sind wirklich ausgereift und können – eigene Erfahrung – praktisch überall auf der Welt repariert werden. Aber ehrlich – ich ärgere mich schon manchmal etwas über die reinen Einschaler, die an den Werken nix verändern, vielleicht noch ihren Namen auf die Schwungmasse gravieren und Phantasiepreise für ihre Uhren verlangen.
    Aber über die Hersteller, deren Schweizer Werkstätten ich besichtigen durfte und die große Namen tragen ärgere ich mich wg. Preisgestaltung auch. Ist halt wie immer – der Uhrenverrückte bezahlt den Namen und das (vermeintliche) Prestige mit.

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  5. Björn sagt:

    Dem obigen Posting von THE LIGHT schliesse ich mich vollumfänglich an. Toller Artikel, Herr Strohm!

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  6. Ein hoch auf das ETA 7750!
    1998 habe ich meine Uhrmachermeisterprüfung abgelegt.
    Natürlich an einem ETA 7750.
    Nicht nur aus diesem Grund, habe ich den „unverwüstlichen Traktor“ schon hunderte Mal seit dieser Zeit auf dem Werktisch gehabt, sondern auch weil es das meist verbaute mechanische Cgronographenuhrwerk ist.
    Ich liebe an diesem Uhrwerk die „Servicefreundlichkeit“, das sichere Schalten der Kulisse (Kulissenchronograph, es gibt auch noch Schaltradchronographen) und die Ganggenauigkeit.
    „Hut ab“ vor den Konstrukteuren!
    Es ist weiterhin zu beachten, dass es ohne das ETA 7750 (Valjoux 7750) kaum bezahlbare mechanische Chronographen geben würde!
    Und mal ganz ehrlich unter uns Uhrenfreunden das ETA 2892 mit Chronographenaufsatz von Dubois-Depraz ist ein schlechter Witz!

    Jetzt muss ich wieder an den Werktisch, das nächste ETA 7750 wartet!

    Grüße aus der Uhrmacherwerkstatt

    Uli Kriescher

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  7. THE LLIGHT sagt:

    Treffender kann man den Manufakturschwurblern den Wind nicht aus den Segeln nehmen!

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